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FLT* – bitte entscheiden Sie sich jetzt.

FLT*-Räume sind Räume, die den Zugang nur für Frauen, Lesben und Trans*leute öffnen und die durch diese Zugangsbeschränkung einen geschützten/geschützteren Raum sicherstellen wollen. Innerhalb dieses Schutzes ist es unter Umständen einfacher, (womit auch immer, seid kreativ!) aktiv zu werden, ohne dass da Leute sind, die „das alles schon gemacht haben und deshalb wissen wie es geht und es dir mal eben zeigen“. FLT*-Räume sind sinnvoll, so lange sie von den Menschen, die auf sie angewiesen sind, als sinnvoll erachtet werden. Punkt.

Mein eigenes Verhältnis zu FLT*-Räumen ist ein sehr zwiespältiges. Einerseits freue ich mich über jeden neuen Raum, der bestimmten Leuten Schutz bieten kann. Ich empfinde FLT*-Veranstaltungen nicht als Beschränkung, sondern als erfreuliches Zusatzangebot (diejenigen, die sich darüber ärgern, dass sie nicht teilnehmen dürfen, können ja die anderen 47 parallel stattfindenden Parties besuchen und nein – hierbei handelt es sich nicht um Sexismus). Andererseits bin ich so gut wie nie in FLT*-Räumen oder auf -Veranstaltungen.
(In diesem Absatz habe ich es mir erlaubt, an einer Stelle etwas zu übertreiben.)

Einige Gründe meiner chronischen Abwesenheit möchte ich hier diskutieren. Ich freue mich, wenn der Text hilfreich bei der Positionierung neuer FLT*-Räume ist und ich freue mich über einen produktiven Austausch zu meinem Post.

Mein etwas unglückliches Verhältnis zu FLT*-Veranstaltungen beschreibe ich am besten anhand eines Vorfalls von vor ein paar Monaten.

Eine FLT*-Gruppe mit Freundinnen-Content hatte eine Party organisiert und mein eines Beziehungsdrittel und ich hatten beschlossen hinzugehen, obwohl wir beide mit dem FLT*-Konzept nicht auf so freundschaftlichem Fuß stehen. Die Party war um die Ecke, sie war nett, es gab leckere (vegane) Cocktails und ein schönes und lustiges Programm. Ich hab mich mit Präsenz auf der Party zurückgehalten, war sowieso relativ müde und bin dann auch früh wieder gegangen.

Besagte Freundin und Orga-Gruppenmitglied hat mir nach der Party gesagt, dass sich Anwesende beschwert hätten aufgrund der maskulinen Präsenz auf der Party.

Okay.

Der durch die Markierung „FLT*“ geschützte Raum hat sich im Nachhinein als ein Raum entpuppt, der nur für einige der Anwesenden ein sicherer war. Während einige Besuchenden dachten, sie seien bei FLT* ‚unter sich‘ („aber es geht doch um Frauen!“), mussten sie feststellen, dass sich in dem Raum nicht erwünschte bzw. erwartete Menschen befanden. Diese wiederum hatten vielleicht das Gefühl, mit gemeint zu sein, waren es aber für einen Teil der Anwesenden offensichtlich nicht. Ich persönlich hatte mich unter die Zielgruppe gezählt („da steht doch T*!“), habe danach aber erfahren, dass ich offensichtlich störend aufgefallen bin.

Meine Lust, zu FLT*-beschränkten Veranstaltungen zu gehen, hat sich seitdem noch stärker in Grenzen gehalten. Allerdings hatte ich Futter für diesen Blogpost.

Ich glaube nicht, dass das Problem im Format FLT* selbst liegt. Okay – ich persönlich halte nicht so viel von identitätsbasierter Politarbeit und versuche, meine Projekte anders zu gestalten. Ich bewege mich aber immer wieder in über Identität definierten Räumen oder an deren Rändern und profitiere ja auch davon. (Aber das mit den Identitäten ist ein anderer Text, der an einem anderen Tag geschrieben werden soll.)

Ich habe schon Definitionen von FLT*-Räumen gelesen, die sich für mich sehr schlüssig, umsichtig und der eigenen Ausschlüsse bewusst anhörten. Das ist allerdings ein Stück Arbeit. Die nicht weiter erklärte Bezeichnung allein mit FLT* reicht – siehe Beispiel – nicht aus.

FLT* hat sich als Markierung so sehr verbreitet, dass wahrscheinlich häufig die Abkürzung für (selbst)verständlich genommen wird, ihr Inhalt aber gar nicht mehr so genau definiert wird. Die Marker F/L/T* umfassen ein riesiges Spektrum an Identitäten und Genderperformances, die nicht einfach von den einzelnen Buchstaben wiedergegeben werden. Die von FLT* angesprochenen Personen gehören verschiedenen Subkulturen an und handeln unter Umständen entsprechend sehr unterschiedlicher subkultureller Codes, die nicht unbedingt von allen gekannt werden. Das Nicht-Kennen oder Nicht-Erkennen solcher Subkulturen und Codes schließt immer auch die Veranstaltenden selbst mit ein.

Dazu kommt die Problematik, bestimmte Gruppen auszuschließen (bei FLT* betrifft das Männer und das T* in der Abkürzung spricht eigentlich dafür, dass nur Cis-Männer gemeint sind; es bleibt ungenau), und diesen identitären und/oder biologisch begründeten Ausschluss mit einem Verhaltenskodex zu verknüpfen. (Da lande ich schon wieder bei der Identitätspolitik, siehe oben.)

Schließlich bleibt das unerwünschte Verhalten selbst häufig schwammig – was genau verstehen die Veranstaltenden beispielsweise unter „Sexismus“ oder „Mackertum“? Solche Begriffe tauchen bei Ankündigungstexten als Schlagwörter auf, von denen alle denken, sie wüssten, was sich dahinter verbirgt.
Ich weiß, hier werde ich sehr genau, ich spreche selbst häufig genug undefiniert über Sexismus oder Mackertum. Aber in diesem Fall geht es um Raumgestaltungen und -definitionen aufgrund von Gender und Verhaltensweisen, bei denen die Vorstellungen, die hinter den definierenden Wörtern stecken, ungenau bleiben. Das mündet in Bezug auf die oben erzählte Geschichte in der Frage: Was ist denn maskuline Präsenz?

Die Sicherheit, die von FLT*-Veranstaltungen für die Besuchenden geboten wird, orientiert sich meines Erachtens also nicht an den Buchstaben, sondern daran, mit welchem Wissen, mit welchen Intentionen und mit welcher Transparenz von der Orga-Gruppe mit dieser Bezeichnung umgegangen wird.

Stellen sich die Organisierenden von FLT*-Räumen die möglichen verschiedenen Performances und Identitäten vor, die sich unter dem Label angesprochen fühlen könnten? Haben sie ein ausreichendes Wissen zu feministischen, lesbischen, trans* und queeren Subkulturen und deren Performances von Maskulinität und Femininität, um einen Raum zu schaffen, der für (wenn nicht alle, dann) viele dieser Leute offen ist? Denken sie dabei auch die Anforderungen mit, die ein Raum bieten muss, um beispielsweise FLT* of Color oder mit Behinderung willkommen zu heißen?

Um das ganze zu verkomplizieren: Das muss ja gar nicht sein. Jede Gruppe, die einfach platt Männer/Männlichkeit ausschließen möchte, soll das bitte tun. Ich wünsche mir allerdings von Organisierenden, dass die Gruppenpolitik transparent gemacht wird und Zugangsbeschränkungen ausformuliert werden. Und zwar so, dass nicht nur die Orga-Gruppe weiß, wer zur Zielgruppe gehört, sondern dass auch die Zielgruppe darüber informiert wird, wer möglicherweise auf der Veranstaltung auftaucht und wer nicht willkommen ist. Leute, die wissen, unter welchen Umständen sie nicht willkommen sind oder wieder einmal nicht mitgedacht wurden, können das an solchen Erklärungen ebenfalls erkennen und sich daraufhin ein weiteres frustrierendes Veranstaltungserlebnis sparen.

Ganz offensichtlich müssen die Erklärungen von Räumen genauer sein als „FLT*“, denn „FLT*“ reicht als Sicherheit schaffende erklärende Beschreibung nicht aus. (Mein T* war ganz offensichtlich nicht das T* einiger anderer.) Zugangsbeschränkte Räume brauchen in meinen Augen genauere Erklärungen, wer aus welchen Gründen erwünscht ist und rein darf und wer aus anderen Gründen draußen bleiben soll.

Produkt solcher genau offen gelegten Selbstpositionierungen und Festlegungen ist ein Raum, in dem zumindest zum Teil ehrliche Ein- und Ausschlüsse transparent gemacht werden. (Zum Teil, weil ich davon ausgehe, dass eine Orga-Gruppe immer wieder Themen vernachlässigen, nicht wahrnehmen oder für unwichtig halten wird.) Räume, aus denen konsequent ausgeschlossen werden soll, funktionieren nicht mehr mit Ausnahmen, „weil das ein Freund ist und wir wissen, dass er fit ist“ oder Problemausklammerungen, „weil die Leute eh noch nie gekommen sind und das Problem deshalb kein aktuelles ist“. Wer Räume schaffen möchte, die ausschließen, muss in Konfrontation gehen und möglicherweise Freund_innen und Bekannte draußen stehen lassen.

Im Zweifelsfall wird den Raumbesuchenden eine böse Überraschung und den eigentlich nicht Erwünschten eine verletzende Erfahrung erspart.

Zum Weiterlesen

Während des Schreibens bin ich auf zwei Texte gestoßen, die mich inspiriert haben. Ich stimme mit ihnen zwar nicht gänzlich überein (dann hätte ich auch nichts schreiben müssen), möchte sie hier aber dringend empfehlen:

Lena Schimmel schreibt auf ihrem Blog sehr persönlich über Frauenräume und Safe Spaces aus Trans*frauensicht.

Und eine sehr ausführliche Auseinandersetzung aus linker trans*männlicher Sicht mit dem Ausschluss von Trans*frauen aus zugangsbeschränkten Räumen findet sich bei autotrans* & w.i.r.

Zum Organisieren

Ganz besonders ans Herz legen möchte ich euch schließlich noch die Broschüre „Frauenräume und die Diskussion um Trans*-Offenheit„, die GLADT herausgegeben hat. Der Text ist super, insbesondere, wenn ihr vorhabt, selbst eine zugangsbeschränkte Veranstaltung zu organisieren oder wenn ihr in einer Gruppe seid oder eine gründen wollt.

FSK 16

In meine Timeline flatterte neulich die Begründung der FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft), den Film Romeos ab 16 freizugeben.
Nachzulesen auf der Webseite der Regisseurin: http://sabine-bernardi.de/

Die Begründung ist fürchterlich, trieft vor Heteronormativität und obwohl ich glaube, dass sie nicht so überraschend ist, werde ich trotzdem mal ein paar Wuttasten über sie ergehen lassen. Weil ich mich wirklich geärgert habe.

Der Film selbst interessierte mich bisher nicht so sehr, ich steh nicht so auf Liebesfilme. Er kommt jetzt in Hamburg ins Kino, mag sein, dass ich ihn dann doch noch mal gucke. Mich interessiert tatsächlich auch nicht wirklich, ob der Film nun ab 12 oder ab 16 gesehen werden darf, wobei ich schon mitgekriegt hatte, dass Romeos eher seicht im Sinne von nicht so aufregend ist.

Ganz kurz und so weit ich weiß: Romeos ist ein Film über einen jungen Transmann, der sich in einen Cistypen verliebt, sich aber offensichtlich erst mal nicht (edit wegen eigener Ungenauigkeit:) trans*outen will. Was zu einigen Situationen führt. Die Geschichte dreht sich dann um die beiden und die beste Freundin des Protagonisten, die ihn noch von früher kennt. Also wohl eine Coming Out / Coming of Age – Geschichte mit trans* und schwul/lesbischem Einschlag.

Was mich an dieser Stelle umtreibt, sind die Gründe der FSK, den Film nicht, wie angefragt, ab 12 freizugeben. Ich werde mir also die Begründung in Zitaten hier etwas genauer angucken. Pfui und los geht’s:

„Der Film zeigt einen leidenden jungen Menschen, der auf seinem Weg der Geschlechtsumwandlung mit seinem Umfeld, mit Spott und Vorurteilen zu kämpfen hat. Damit behandelt der Film ein schwieriges Thema, welches für die Jüngsten der beantragten Altersgruppe, die sich in diesem Alter in ihrer sexuellen Orientierungsphase befinden, sehr belastbar [sic] sein könnte.“

Moment. Ich dachte, Kindheiten haben die ganze Zeit damit zu tun, wie es sich mit einem auch mal fiesen Umfeld, mit Spott und mit Vorurteilen klarkommen lässt? Das Leben von Kindern ist nicht Friede, Freude, Eierkuchen. Kinder sind in dem Alter schon zu grandiosen Reflexionsleistungen fähig und ich bin mir sicher, dass das der FSK nicht unbekannt ist. Es gibt diverse Kinder- und Jugendbücher und -Filme, die sich darum kümmern, Kindern „schwierige Themen“ nahezubringen, um ihnen das eigene Leben zu erleichtern. Dazu gehört durchaus auch Sexualität. Das Zitat hakt.

Tatsächlich ergibt der Satz oben erst wieder Sinn, wenn ich ihn in einen ganz bestimmten Kontext packe. Nämlich den gepanschter Cis- und Heteronormativität. Der wird oben schon angerissen: (Ironiemodus) Das mit der Geschlechtsumwandlung ist ein Problem und kann für Kinder in ihrer sexuellen Orientierungsphase sehr belastend sein. Also sollten sie damit besser nicht in Berührung kommen. (/Ironiemodus)
Dazu kommt ja noch das mit der Homosexualität:

„Das Thema selbst [bezieht sich irgendwie auf das Zitat oben, ist ja auch irgendwie echt kompliziert] ist schon schwierig für 12- bis 13-Jährige und die Schilderung einer völlig einseitigen Welt von Homosexualität im Film könnte hier zu einer Desorientierung in der sexuellen Selbstfindung führen.“

Das ist eindeutig. Es werden reihenweise Filme mit expliziten sexuellen Inhalten ab 12 Jahren freigegeben, in denen eine völlig einseitige Welt von Heterosexualität gezeigt wird. Die FSK vermutet nicht, dass diese Filme Kinder verwirren könnten. Die Vorstellung, Homosexualität im Film führe zu Desorientierung, geht aber auch nur, wenn Heterosexualität naturalisiert wird und damit nicht nur das ist, was innerhalb der Gesellschaft normal und gewünscht ist, sondern auch das, wohin sich Kinder ohne Desorientierung entwickeln werden.
Heterosexualität ist hier die Ausgangsposition, von der es nur desorientierte Abweichungen geben kann. Offensichtlich erkennt die FSK hier eine so schwere Abweichung, dass Menschen bis 15 davor geschützt werden müssen.

Tatsächlich schießt sich die FSK selbst ins Aus, indem sie schon bemerkt, dass die Natürlichkeit der cissexuellen Findungsphase offensichtlich schon durch einen einzigen nicht-ganz-heterosexuellen Film empfindlich gestört werden kann. Vielleicht ist das mit der Heterosexualität doch nicht so natürlich, vollorientiert und unproblematisch.

Ganz nebenbei finde ich es erstaunlich, dass dieser Film einseitig homosexuell ist. Heißt das, dass hier nur Szenen aus der schwullesbischen Szene vorkommen? Oder dass alle Szenen, in denen größere Gruppen oder Alltagssituationen gezeigt werden, nur von Homosexuellen bevölkert werden? Letzteren Film würde ich der FSK ja tatsächlich gerne wünschen, um eine Ahnung davon zu schaffen, wie vollkommen heterosexuell eigentlich *fast alle anderen* Filme sind.

„Die explizite Darstellung von schwulen und lesbischen Jugendlichen und deren häufige Partnerwechsel können verwirrend auf junge Zuschauer wirken, auch wenn der Film auf Bildebene [sic] nicht schamverletzend ist und niemanden diffamiert.“

Wunderbar, die FSK wälzt sich schnell noch in (nebenbei: wirklich alten!) Vorurteilen, ist ja auch furchtbar, diese promiskuitiven Schwulen und Lesben! Ich sehe vor meinem geistigen Auge haufenweise 12- und 13-Jährige ihre monogamen Langzeitbeziehungen beenden und nun mit der_dem Sitznachbar_in auf der linken Seite rumknutschen! Sodom und Gomorrha! Das haben wir hier nämlich:

„Der Film spiegelt eine verzerrte Realität wider, die Kinder aufgrund keiner oder zu geringer Erfahrungen nicht erkennen können.“

Okay. Verzerrte Realität – soll ich das noch mal kommentieren? Wenn Realität nur aus Heterosexualität bestehen kann, dann muss sie ja verzerrt werden, wenn denn mal was anderes vorkommt. Das Zitat gibt doch zu denken: Viele deutsche Kinder verfügen noch mit 12 oder 13 über erschreckend desorientierte einseitige Erfahrungen!

Die Kinder ohne Erfahrung freuen sich ja vielleicht sogar über Horizonterweiterungen. Die Tatsache, dass es Kinder gibt, die mit dem Film noch viel mehr anfangen können oder ihn sogar für die sexuelle Selbstfindung bitter nötig hätten, würde die FSK wahrscheinlich implodieren lassen.
Und rein aus Interesse: Wenn die Kinder die verzerrte Realität sowieso nicht erkennen, warum können sie dann den Film nicht einfach sehen?

„Der Film bedient sich keiner zotigen Sprache und diskriminiert Homosexuelle nicht, so dass er für ältere Altersgruppen nicht als problematisch beurteilt wird.“

Da hat der Film seiner Beurteilung aber einiges voraus.

Dieser Dreh in der Begründung hat mich wirklich fasziniert, die FSK positioniert sich hier tatsächlich als Kämpferin gegen die Diskriminierung von Schwulen und Lesben.

„Für ältere Rezipienten ist die Filmgeschichte einordbar und verkraftbar.“

Wenn die natürlich-heterosexuell entwickelten Jugendlichen dann mit 16 ihre sexuelle Orientierungsphase hinter sich gelassen haben, kann man sie den Gefahren homosexueller Verzerrungen und Desorientierungen aussetzen. Die Jugendlichen werden die Homosexuellen entsprechend einordnen und verkraften können und gehen gestärkt aus diesem schwierigen Thema hervor.

Btw: Ging es nicht anfangs noch um trans*? Das Thema ist irgendwie bei all der Homosexualität auf der Strecke geblieben. Wahrscheinlich bestand wieder Implosionsgefahr.
Aber ehrlich: Eine Begründung, in der der Protagonist eine „Transformation von einer Frau zu einem Mann“ macht, während er „eigentlich ein Mädchen ist“ und in der unter dem Begriff „Coming Out“ schwules und trans* Coming Out wahllos gemischt und verwechselt werden. Was hab ich denn anderes erwartet?

Dokumentiert

Vor ein paar Tagen sah ich auf arte die Dokumentation „Meine Seele hat kein Geschlecht“ (ich schweige zum Titel) über vier Trans*leute, die sich alle unterschiedlich maskulin verorten (leider momentan nicht mehr online). Beim Gucken erlebte ich ein interessantes Wechselbad der Gefühle von „Yeah – total gut“ zu „oh nein, nicht das schon wieder“. Das ist es wert, etwas genauer auseinander genommen zu werden.

Vorweg: „Meine Seele hat kein Geschlecht“ ist eine der intelligentesten Trans*Dokus, die ich bisher gesehen habe (ich hab einige gesehen). Für den Mainstream-TV-Bereich würde ich sogar sagen: Die Beste. Das hat mich sehr gefreut und wenn ihr die Chance habt, die Doku zu sehen, dann tut das, es lohnt sich. Da steckt ganz viel drin.

Was diese Doku von anderen abhebt:

Den vier Protagonist_innen wird sehr viel Raum gegeben, sie werden vielschichtig portraitiert und vor allem! reflektieren und dekonstruieren sie sehr selbstbewusst und überlegt die eigene Position, Männlichkeit/Maskulinität und Transition.

Hier: Kein furchtbares Leiden, kein Leben im falschen Körper, kein Verstecken, keine schrecklichen Narben und kein immer wieder reproduziertes Mackergehabe, weil das ja zur Männlichkeitsperformance dazugehöre.

Statt dessen: Kritik am medizinischen System, das Trans*leute durchlaufen müssen, wenn sie Namens- oder Körperänderungen durchsetzen wollen (das ist übrigens in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich, ich selbst spreche aus dem deutschen Kontext). Kritik am Zweigeschlechtersystem, an Sexismus und patriarchalen Verhältnissen und – wow und danke dafür! – Reflexionen über die Privilegien, die sich ergeben, wenn eine_r dann plötzlich mehr und mehr männlich passt. Und sogar ein Nachdenken darüber, wie ftm* kritisch mit diesen Privilegien umgehen kann.

Und dann hatte ich zwischendurch doch immer wieder dieses *Autsch-Gefühl, dieses ganz spezifische Trans*Doku-Autsch. Wie gesagt, ich hab echt schon viele Trans*Dokus gesehen und es gibt Dinge, die tauchen immer und immer wieder auf. Und nerven mich.

Zunächst kommen mir (wie ganz häufig bei Dokumentationen) Fragen zur Machart: Wer steckt hinter dem Film? Wer ist die filmende Person und was möchte sie hier erreichen? Wie positioniert sich die Person selbst zu trans*? Warum macht sie diese Doku und wie wurden die Protagonist_innen ausgesucht? Sind sie alle bekannte Personen, so wie Lynn Breedlove? Sind die Protagonist_innen der filmenden Person persönlich bekannt? Oder untereinander? Das bleibt hier alles offen und damit die_der Filmschaffende, die Kontexte, die dahinter liegenden Strukturen Leerstellen.

Dann: Warum sehe ich hier eigentlich nur ftm? Wo sind die Trans*Frauen/Femininitäten? Oder Trans* of Colour? Beide tauchen hier nur als Randfiguren auf und sind da offensichtlich auch politische Akteur_innen (auf der Demo, in der Gesprächsgruppe), werden aber nicht hauptsächlich portraitiert. Fragen nach Maskulinität, Femininität, Passing, Zugehörigkeit hängen aber eng damit zusammen und sind hier also nur als kleiner Ausschnitt dokumentiert. Was an sich nicht so schlimm wäre, bliebe dieser Ausschnitt nicht unkommentiert, denn damit wird er zum Normalzustand.

Ähnlich steht es um die Freund_innen/Partner_innen der Gefilmten. Ich ärgere mich über die eine Alibi-Freund_in, die kurz was sagen darf, dabei einen großen und wichtigen Bereich anschneidet (das eigene Gender für sich und in Bezug zur trans*maskulinen Person) und dann auch schon wieder nicht mehr vorkommt. Partner_innen und Freund_innen von Trans*leuten sind ganz existenzielle Leute im Trans*leben, die sehr viele private Krisen und Probleme abfangen, ständig Gender unterstützen und konstruieren und mit ihrer eigenen Identität und ihrem eigenen Selbstverständnis durch die Trans*identität beeinflusst werden. Dass die Rolle von Trans*partner_innen in Trans*Dokus immer wieder ausgeblendet oder auf eine oberflächliche Nebenrolle reduziert wird, finde ich schade und nicht ausreichend. Trans*personen sind nicht Akteur_innen ohne Netzwerk.

Orr: Warum muss ich in _jeder_ Trans*Dokumentation Kinderfotos sehen? Und ist sie noch so queer, die Beweise, dass diese Person früher ganz anders aussah, dürfen nicht fehlen. Ich halte das 1. für paternalistisch: Warum reicht es nicht aus, die Trans*leute für sich und fürs Jetzt sprechen zu lassen? Und 2. findet hier jedes Mal eine biologische Rückbindung statt: Guckt mal, dieser Typ war früher _wirklich_ ein Mädchen, falls Du’s nicht glaubst – hier ist das Foto.

Da bleibt in meinen Augen leider auch die Trans*Fotowand des einen Protagonisten mit der Wertschätzung des eigenen mehrgegenderten Lebens eine biologistische Beweisführung. (Diese Stelle des Films finde ich sehr ambivalent, denn gleichzeitig bricht die Person mit der häufig zitierten Vergangenheitslosigkeit.)
Und meines Erachtens immer wieder eine Frechheit ist die Aufnahme von Eltern, die Kinderfotos präsentieren und sich über das damalige Gender ihres Kindes äußern. Was mich zum nächsten Punkt bringt:

Deutungsmacht? Warum sehe ich in einer Trans*Doku Eltern, die ihre Meinung über das Gender ihres Kindes sagen? Teilweise hier sogar, ohne das die entsprechende Trans*person Einfluss auf die Szene hat? Gerade Familienzusammenhänge sind häufig im Zusammenhang mit Trans* echt mit Vorsicht zu genießen und bergen sehr viele vergangene und wiederholte Verletzungen.

Ambivalent: Einerseits finde ich es gut, verschiedene Trans*identitäten zu zeigen und verschiedenen Umgehensweisen mit trans* Raum zu geben. Das wurde hier unter anderem dadurch realisiert, dass die Protagonist_innen gesprochen haben und von der filmenden Person nicht kommentiert wurden (da ist die Deutungsmacht ja doch!). Das Nichtkommentieren führt hier allerdings auch dazu, dass Normativitäten, Mackertum und Sexismus im Raum stehen können, ohne aktiv hinterfragt zu werden. In diesem Fall ärgert mich insbesondere, dass die gängige heteronormative und biologistische Erzählung der männlichen Triebhaftigkeit unkommentiert bleibt. Die eigene Transition wird natürlich ganz unterschiedlich erlebt, interpretiert und mit Sinn besetzt, dazu möchte ich überhaupt nicht Einschränkungen oder Grenzen vorgeben. Aber für eine Doku, die offensichtlich zum Nachdenken über Geschlechterrollen anregen will (siehe Ankündigungstext), finde ich die Reduzierung von maskuliner Identität auf den Sexualtrieb sehr sehr schade.

Und schließlich: Warum!! Kann ich nicht eine Trans*Doku sehen, in der nicht irgendwann jemand sein Hemd auszieht? In diesem Fall endet sogar die gesamte Doku mit einer fröhlich-nackten Reihe unterschiedlicher Männer_*Oberkörper. Was erzählen mir diese Körper über die Identität der Personen? Soll das Publikum Brustvergleiche anstellen? Was passiert mit der einen Person, die sich sichtlich unwohl fühlt, während alle ihre Shirts ausziehen? Trans*Männlichkeit wird leider immer wieder an nackter Körperlichkeit verhandelt. Das ist schade, weil wieder der Verweis auf den biologischen/natürlichen/versehrten Körper herangezogen werden muss. Ohne Kommentar und in einer TV-Produktion finde ich das zwar einerseits sehr mutig und nehme es auch als get used to it-Affront gegen den normierenden Blick wahr. Andererseits sind Trans*Körper und -Identitäten voraussetzungsvoll und ich habe das Gefühl, dass der hegemoniale Blick auf den nackten Trans*Körper biologisch rückversichernd, entlastend und vereinnahmend ist.

Alles in allem: Ambivalent.

Aktualisiert: Zum Weitergucken: Anton Binnig: Jungs wie ich und du.