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Diskursmacht – Ressourcenbindung – deutliche Verhältnisse

In der letzten Zeit bin ich mehrfach über die Äußerungen Katrin Rönickes gestolpert. Das passiert normalerweise nicht, weil ich nicht mit ihr vernetzt bin, aus Gründen: Wann immer ich etwas von ihr wahrnahm, war klar, dass ihr Denken von Welt und meins sich grundlegend (und hoffentlich unvereinbar) unterscheiden. Ich bin selbst in einer sehr kleinen Ecke des Internets unterwegs und beschäftige mich mit so anderen Themen, dass Rönicke bisher eher selten dort auftauchen konnte. (Mir ist an dieser Stelle bewusst, dass andere, die nicht so versteckt im Internet sitzen wie ich, dieses (in diesem Zusammenhang) Privileg nicht teilen. Dazu passt der Text Die ach so tolle feministische Blogosphäre auf Medienelite.)

Dass ich nun doch immer mal wieder Texte von ihr finde, lässt mich zu dem Schluss kommen, dass sich Rönicke eine Sprecher_Innenposition erarbeitet hat, von der aus sie gut wahrnehmbar ist. Und das finde ich in Hinblick auf ihre Meinungen und Themen sehr problematisch. Ich denke ja gerne in Diskursen und werde vielleicht deshalb manchmal nervös, wenn mir die Verbreitung machtvoller Diskussionspositionen so deutlich vor Augen geführt wird.

Die letzten Wochen brachten zwei Aussagen_Vereinnahmungen Rönickes, die ich sehr kritisch finde.

Anfang September gab es eine CRE-Folge zum Thema Feminismus, in der Katrin Rönicke zu Gast war. CRE ist ein podcast mit großer Hörer_Innenschaft und lässt sich insofern als Plattform begreifen, über die Wissen breit gestreut werden kann. Dort, wo ich mich im Netz bewege, gab es viel Kritik an der Folge, weil der von Rönicke vorgestellte Feminismus einer war, der wichtige Teile der Geschichte verschiedener Feminismen ausblendete. Ich verweise an dieser Stelle auf den lesenswerten Text Geschichte wird gemacht (CRE 196) von ihdl, die das Fehlen intersektionaler und queerer Positionen kritisiert und herausstellt, dass Rönicke damit machtvoll einseitiges Wissen um Feminismen und damit Ausschlüsse produziert:

Die CRE-Folge ist […] ein hervorragendes Beispiel […] für eine Geschichtsschreibung, die dominante gesellschaftliche Positionen reproduziert und andere unsichtbar macht.

Womit ihdl schon wunderbar ausgedrückt hat, was mein großes Problem mit Rönickes Texten ist.

Ähnlich liest es sich jetzt in der Bildungs(sic!)kolumne beim Freitag, in der Rönicke Noah Sows Buch Deutschland Schwarz Weiss bespricht. Abgesehen davon, dass die Kolumne in einer reizenden Bilderbuch-Argumentation zeigt, dass Rönicke das Buch nicht verstanden hat, greift auch hier die Macht der dominanten gesellschaftlichen Position.

Der Text Du sollst Deine Leser nicht beschämen ist aus so verschiedenen Perspektiven heraus kritikwürdig, da weiß mensch gar nicht, wo sie_er anfangen soll. Einen schönen umfassenden Beitrag gibt es bei shehadistan mit Critical Whiteness und das Ende der Sektstimmung. Und in Keine falsche Scham auf takeover.beta betreibt Stephanie ein kleines feines Gedankenspiel zur von Rönicke mehrfach strapazierten Scham. Rönicke reiht sich im Übrigen in das momentan offensichtlich angesagte Bashing zur Kritischen Weißseinsforschung/zu den Critical Whiteness Studies ein, dazu gibt es aus anderem Anlass schon einen guten Text von accalmie: Decolorize the Color Line?

Ich möchte hier die von ihdl angeführte dominante Geschichtsschreibung aufgreifen, die mir persönlich in Rönickes Texten massiv auffällt. Rönicke schreibt diesmal an die potenziell große Leser_Innenschaft des Freitags und besetzt damit wieder einen Ort, von dem aus sie machtvoll ihre Wahrnehmung von Welt verbreiten kann, auf diese Dynamik weist auch side-glance hin.

Von diesem Ort aus stellt sie sinngemäß fest, dass sie sich beim Lesen nicht wohlgefühlt habe, warum Sow in Sachen Bildung und Vermittlungsarbeit versagt habe und dass Sow Rönicke nicht kenne, weshalb das Buch auf Rönicke nicht zutreffen könne. Ohne eigene Worte reagiere ich hier kurz mit einem passenden Zitat:

[…] trotz divergierender individueller Positionalitäten können sich Weiße nicht außerhalb struktureller Gegebenheiten von Weißsein situieren.
Peggy Piesche und Susan Arndt: Weißsein. Die Notwendigkeit Kritischer Weißseinsforschung, in: Susan Arndt, Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.) (2011): Wie Rassismus aus Wörtern spricht, 193.

Heißt: Liebe Katrin Rönicke, Noah Sow muss Dich gar nicht kennen, um über strukturellen Rassismus und dessen Bedeutung für die Bildung weißer Subjekte schreiben zu können. Sorry!

Ein bisschen gelernt habe Rönicke durch Deutschland Schwarz Weiß aber dennoch, nämlich, aufgepasst:

dass es wissenschaftlich gesehen nicht korrekt ist, bei Menschen von „Rassen“ zu sprechen.

Na, herzlichen Glückwunsch!

An sich ist das ja eine gute Sache, jede Person hat das Recht, irgendwann mal bei Null anzufangen, wenn es um die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Rassismen geht. Schön also, dass Rönicke beginnt, über Rassismus nachzudenken. Beredsam ist hier, dass ihr Lernen zu Rassismus noch nicht besonders weit gekommen ist (sonst hätte sie oben stehenden Satz nicht als eine der Quintessenzen für sich erlebt), Rönicke dies aber trotzdem breit kundtun kann.

Indem sie ihr in einem(!) Buch aufgelesenes Wissen zu Rassismus so öffentlich in einer Bildungs(!)kolumne positioniert, überschreibt sie mal eben (und ein weiteres Mal unter vielen) ein seit Jahrzehnten existierendes ausdifferenziertes und heterogenes Wissenschafts_Praxisfeld. Weil sie die Möglichkeit, die diskursive Macht, die kulturellen Ressourcen dazu hat.

An Stelle ihres Artikels hätte auch eine Bildungskolumne zu Weißsein von Noah Sow stehen können oder von einer der diversen anderen Personen, die sich mit Rassismus und/oder Kritischer Weißseinsforschung im deutschsprachigen Raum beschäftigen. Das hätte bedeutet, dass die Leser_Innen des Freitags Einblick in ein Schwarzes/People of Color (PoC)/Alliiertes Wissensarchiv bekommen hätten, was vielleicht zur Bildung neuen Wissens und veränderter Perspektiven geführt hätte. Durch Rönickes Beitrag wurde dagegen lediglich die Selbstverständlichkeit weißer Wissensproduktion, weißer Ressourcenbindung und damit weißer Ausschlusspraxen abgebildet.

Es spricht Bände, dass Rönicke eine Bildungskolumne füllen und als weiße Person ohne jegliche Ahnung – geschweige denn Anbindung ans Feld – jahrelange Forschungen_Überlebensstrategien zu Weißsein als nicht so ganz nach ihrem Geschmack diffamieren darf. Sie schreibt, ohne deutlich zu machen, dass sie sich zentral in einem Feld positioniert und dabei die Vielstimmigkeit dieses Feldes verschweigt.

Und das ist eben nicht ein unangenehmer Artikel, den ich nicht gerne gelesen habe, sondern das ist weiße Strategie und weiße Politik, die durch die Besetzung von Stellen und die Setzung von Themen ein mediales Sprechen zu Rassismus/Weißsein weiß hält und die Partizipation von Schwarzen Menschen und PoC aktiv verhindert. Das ist die Stabilisierung rassistischer Diskurse und ein weißes Profitieren auf Kosten anderer.

Und das erschreckt mich nachhaltig an den Texten Rönickes. Offensichtlich hat sie sich eine Position erarbeitet, von der aus sie machtvoll sprechen kann. Das, was ich höre, sind bitterster Ausschluss und das zum-Schweigen-bringen anderer Positionen im Diskurs.

Zur Schreibweise:

Ich folge einer Konvention der deutschsprachigen Rassismus- und Kritischen Weißseinsforschung und schreibe „Schwarz“ durchgängig groß, um auf Ermächtigungspraxen und Widerstandspolitiken hinzuweisen. Da sich Weiße aufgrund ihrer gesellschaftlichen Privilegierung in Bezug auf rassistische Verhältnisse nicht ermächtigen müssen, ist „weiß“ klein geschrieben. Die Kursivschreibung hebt das Wort hervor, weil sowohl Schwarz als auch weiß keine essentiellen Bezeichnungen sind, sondern auf gesellschaftliche Konstrukte innerhalb einer Systematik des Rassismus verweisen.
(Vgl.: Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt (2009): Konzeptionelle Überlegungen, in: Dies.: Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland)

Zum Weiterlesen:

bell hooks – Weißsein in der schwarzen Vorstellungswelt, in: bell hooks (1994): Black Looks. Popkultur – Medien – Rassismus, 204-220.
Einer von vielen Texten, in dem mensch lesen kann, dass es „diese Theorie“, von der Rönicke schreibt (oder auch nicht), schon etwas länger gibt, und zwar auch zugänglich für Deutschsprachige außerhalb eines akademischen Kontextes.

Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt (Hrsg.) (2009): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. 2. überarb. Aufl.
Ein akademisch_aktivistischer Sammelband zu Weißsein und Kritischer Weißseinsforschung aus Schwarzer, PoC und alliierter weißer Perspektive.

Noah Sow (2008): Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus.
Darum ging es ja die ganze Zeit. Ein tolles, lesenswertes Buch, das Weißsein lehrt.

Ergänzung

Metalust und Subdiskurse Reloaded schreibt eine wunderbare Ergänzung: Katrin Rönicke und der Wohlfühlantirassismus

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