Setzen, bitte.

Kleiner Putz-Rant.

Mein Pflegesohn hatte gestern einen Freund zu Besuch und als Folge davon musste ich heute wegen der Geruchsbelästigung das Klo putzen. Das an sich ist schon schlechte Laune wert, aber noch schlechtere Laune macht mir die Logik, die dahinter steckt.

Deshalb: Liebe Leute mit Verantwortung für Jungs: Bringt denen das Sitzpinkeln bei!
Das ist nicht uncool, sondern aktive Herrschaftskritik.

Ich hab mal in einem Putzjob in einem Team mit einem Vater von mehreren Söhnen zusammengearbeitet und der hat mir erzählt, früher habe er immer im Stehen gepinkelt. Seit er selbst putzen muss, pisst er nur noch im Sitzen und bringt das auch seinen Kindern bei.

Hier nämlich ein Geheimnis für alle, die es noch nicht wussten: Stehpinkeln ist eine Zumutung für die, die putzen.

Und wer putzt denn bitte? Welche Geschlechter und Gender haben denn die, die putzen? Welche Hautfarben? Welche Aus_Bildung? Wie viel Geld steht hinter ihnen und ihren Familien oder was ist ihr Bürger_innenstatus? Hach, surprise.

Und ich frag mich, wie viele von den rumspritzenden Anzugträgern und rumspritzenden zukünftigen Anzugträgern jemals umwölkt von feinem Essigduft ihre schwielenlosen Hände in der Kloschüssel versenkt haben.

Und das ist immer noch zu einfach: Neulich hab ich in einem anarchistischen Hausprojekt mit zwei Frauen gesprochen, die regelmäßig den Großteil des Saubermachens übernehmen, weil Putz-Pläne zu nichts geführt haben und es ihnen “einfach irgendwann zu dreckig” wurde.

Wenn Leute Jungs nicht beibringen, dass sie Verantwortung für ihren Schmutz übernehmen müssen, bringen sie ihnen unausgesprochen bei, dass da schon andere sein werden, die hinter ihnen sauber machen. Sounds familiar.

Im Sitzen pinkeln ist nicht unmännlich, sondern politisch.

Danke, weiter putzen.

Eine andere Möglichkeit, über Sexualität zu sprechen

Diese Rezension ist zuerst erschienen am 02. Juli 2013 in der Ausgabe Nr. 29 der Kritisch Lesen.

 

Für mich ist es eine geliebte Beschäftigung nach Kriterien zu suchen, die ein Buch queer machen können. Damit meine ich nicht, dass queer positionierte Personen vorkommen müssen oder dass ich eine Geschichte über eine queere Party lesen will. Sondern ich suche nach verqueerten Texten, nach Büchern, die mein Leseverständnis verwirren, mit meinen Erwartungen spielen und mit denen ich dazu gebracht werde, anders über Sachen nachzudenken, die ich sonst eigentlich immer so gedacht hatte.

„DAS machen? Projektwoche Sexualerziehung in der Klasse 4c“ von Lilly Axster und Christine Aebi ist so ein Buch. „DAS machen?“ ist ein Aufklärungsbuch, in dem Sexualität ganz anders geschrieben wird, als ich es bisher gelesen habe. Angesprochen sind Kinder und Jugendliche in der Kernzielgruppe 8 bis 11 Jahre, laut Autorinnen aber auch jüngere und ältere Menschen. Erzählt wird die Projektwoche Sexualerziehung der fiktiven Klasse 4c aus der Sicht eines der Kinder.

Und es ist die Sicht der Kinder, die fragmentarisch zusammengetragen wird und den Inhalt bestimmt und die „DAS machen?“ so nachhaltig von anderen Büchern über Sexualität unterscheidet. Hier steht nichts darüber, wie das genau mit dem Sex zu laufen hat und woher die Kinder kommen. Nichts davon, wie es bei Mädchen so ist und wie bei Jungen. Sondern geleitet wird die_der Leser_in durch die Fragen, das Wissen und die Kreativität der Schüler_innen, nachdem ihnen Raum gegeben wurde, über Körper und Sexualität nachzudenken.

In Worte fassen

Die Ideen und das Wissen der Kinder, die Sprache, mit der sie sich dem Thema annähern, produzieren in „DAS machen?“ einen queeren Gestaltungsraum. Aus einzelnen Wortfetzen können Gebilde entstehen, die weit über die Grenzen des Textlichen, des Buches, hinauswachsen und Sexualität als Idee, als Austausch, als Gefühl erschaffen. Festgelegt wird ganz wenig, dafür sich angenähert aus verschiedenen Richtungen und Erfahrungshintergründen. Was beim Sex genau passiert erfahren wir nicht, dafür aber, was sich entwickeln könnte: Irgendetwas mit Kleidung tauschen oder Videos gucken oder Unterhosen-oder-auch-keine. Wer beteiligt sein könnte: Mit wie vielen Gruppen, schwule Dinosaurier und was, wenn ich aufs Klo muss? Oder welche Wörter verdächtig werden: Rubbeln oder Vögel oder Eierspeise. In „DAS machen?“ werden keine Praktiken erklärt und keine normativen Vorstellungen erzählt, nichts kommt hier auf den Punkt, sondern es bleibt eine Annäherung, ein Umkreisen des Themas, ohne festzuschreiben. Das, was die Kinder erzählen, was sie sich fragen und was sie aus dem Unterricht aufnehmen, beschreibt, was Sexualität sein könnte, ohne zu sagen, dass dies Sexualität sein muss. Und passend dazu am Ende doch eine kurze Definition, die genau so viel offen lässt, wie sie gleichzeitig schließt: „dass Sexualität wie eine Sprache sei, nur mit dem Körper. Und dass es wie in jeder neuen Sprache einige Zeit brauche, bis Menschen einander verstehen“. „DAS machen?“ nimmt wenig vorweg, schreibt wenig vor und schafft einen Wort_Raum, in dem jede_r den eigenen Zugang zu formulieren beginnen kann.

Bilder geben

Die Wörter machen sich dabei auf, den Rahmen des Textes zu sprengen. Sie reißen Textblöcke auseinander, finden sich wieder an Tafeln und auf Papierfetzen, angenäht und aufgeklebt. Die den luftig platzierten Text begleitenden Illustrationen sammeln das, was die Schrift nicht genannt hat und bilden damit einen weiteren Artikulationsraum. Und obwohl die Bilder klar und verständlich sind, sind die von ihnen eröffneten Möglichkeiten wild und groß. Neben der Freude an den wunderschönen Collagen findet eine_r hier reichlich Material, die eigenen Gedanken zu Sexualität fantasievoll weiterzuspinnen. Was macht mensch mit der Katzenmaske? Ist das ein Penis auf Rädern? Und mit was genau sind eigentlich die grobkörnig gezeichneten Teddybären beschäftigt? Genauso wie der Text uneindeutig bleibt und gerade dadurch ein Reden zu Sex herausfordert, geben die Illustrationen immer wieder nur Andeutungen, die weit ab von normativen Erzählungen über Sexualität stattfinden. Und so ganz nebenbei, mit ein paar Strichen, zeigen Bleistiftskizzen die Vielfältigkeit von Geschlechtsteilen, ihre Wandlungsfähigkeit und wie sie ineinander übergehen, ohne auch nur einmal eine körperliche Form als die richtige hervorheben zu müssen.

Differenzen und Betonungen

Das unaufgeregt schöne Beschreiben von Differenzen zwischen den Kindern und ihren Zugängen zu Sexualität beschränkt sich nicht auf das Thema des Buches. Mit einer erfreulichen Selbstverständlichkeit haben die Kinder der Klasse 4c verschiedene Namen, verschiedene Sprachen, verschiedene Körper. In „DAS machen?“ wird die Kompetenz über Differenzen konsequent den Kindern zugesprochen, die das Konzept von Hautfarbe – „Aber wessen?“ – so lange hinterfragen, dass die Lehrerin Stress mit dem Erklären bekommt. Und die wissen, dass sie so unterschiedlich sind, dass „grrr“, „ET“ und „rofl“ als Markierungen sowieso besser passen würden als verschiedene X- und Y-Kombinationen, von denen es zwar einige gibt, aber nie genug. Die spielerische Selbstmarkierung unterwandert die normative Annahme von genau zwei Varianten der Geschlechts-Chromosomen-Verteilung und gleichzeitig überhaupt das Konzept, Menschen mit Buchstabenvarianten zu bezeichnen. Obwohl die Einführung von Inter* einhergeht mit der Beschreibung von Chromosomensätzen und damit an dieser Stelle dann doch sehr an den Bereich der Biologie angedockt wird, schafft „DAS machen?“ einen nichtpathologisierenden und fantasievoll normalisierenden Umgang mit körperlicher Differenz, der im krassen Gegensatz zu dem Wissen steht, das in Schulbüchern zu Inter* nach wie vor verbreitet wird.

In den Versatzstücken der Themenwoche finden sich zwischendurch Betonungen und thematische Auslassungen, die ein-, zweimal zur Stolperfalle werden. Während die Kinder der Klasse 4c selbstverständlich mit verschiedenen Kleidungsstilen und Frisuren gezeichnet werden, widmet sich eine Doppelseite noch einmal explizit gender-nichtkonformer Kleidung und überrascht dort dann eben doch nicht mit dem schon fast symbolischen Jungen im Rock. Wenn es um Kinder geht, die normativ gesetzte Geschlechtergrenzen überschreiten, ist in Kinderbüchern der Junge im Rock oder Kleid nicht weit entfernt. Obwohl es diverse Möglichkeiten gibt, Gender-Nichtkonformität bei Kindern auszudrücken, wird der Junge im Rock zum überstrapazierten Zeichen, das bedeutungsschwanger und dann doch nicht wirklich ausbuchstabiert durch die Kinderliteratur wandert. Was die hier beschriebenen Praxen an Gefühlen und Reaktionen auslösen könnten und wer sonst noch den Regeln konformer Kleidung nicht entspricht, bleibt unbenannt. Der Junge im Rock ist auch in „DAS machen?“ eher Schablone als plastische Lebensrealität, auch wenn er hier sehr stärkend untergebracht wurde. Und genauso wie Inter* ohne den gesellschaftlichen Kontext auftaucht und damit eben auch entpolitisiert wird, obwohl hier Gewalt an Menschen stattfindet, finden sich die Wörter „schwul“ und „Lesbos“, nicht aber das norm-zentrale „hetero“. Nur noch unglücklicher hat es vielleicht „transsexuell“ erwischt, welches – ebenfalls ohne das die Norm benennende Gegenstück – lediglich einen Platz auf der Liste von Wörtern bekommt, bei denen einige „immer lachen mussten“ und andere „es geschafft haben, ernst zu bleiben“. Meine Kritik ist hier allerdings ambivalent wie vermutlich auch der Anspruch des Buches. Denn andere Betrachtungsweisen sind auf jeden Fall möglich: Es bleibt eine schwierige Gratwanderung, in einem Buch, in dem wenig explizit benannt wird, marginalisierte Konzepte zur Sprache zu bringen. Und es ist ja auch okay und für viele alltäglich, in einer normierten Gesellschaft bestimmte Wörter – gerade die, die etwas mit Sexualität und Körpern zu tun haben – zunächst einmal komisch zu finden, weil eine_r vielleicht bisher nicht die Möglichkeit hatte, über den Tellerrand der Normen hinaus zu lernen.

Und plötzlich doch: Normen

Für dekonstruktivistisch Lesende könnte das Buch an zwei Stellen überraschend klar normativ sein. Die folgende Kritik schreibe ich aus der Lust, die Ebenen und Wissensproduktionsweisen des Textes zu untersuchen. Sie sollte aber entsprechend eingeordnet werden: „DAS machen?“ ist ein Kinderbuch über Sexualität, das das Thema grandios aufbereitet und an zwei Stellen anders schreibt, als ich es für produktiv halte. Meine Kritik ist eine sehr spezialisierte, genauso kann ich mich darüber freuen, wie welche Themen und auch dass die folgenden überhaupt in „DAS machen?“ besprochen werden.

Die Art und Weise, wie Erwachsene und Kinder gemeinsam über Sexualität sprechen können und wo vielleicht Grenzen im Interesse der Kinder liegen, wird in „DAS machen?“ damit erklärt, dass die Lehrerin der Klasse sagt, es sei „nicht passend“, wenn sie als Erwachsene mit Kindern über ihre Sexualität spreche. Dass etwas nicht passend sei, ist aber eine sehr ungenaue Schließung eines Feldes, in dem es eigentlich ja auf sehr viel Sprache und Möglichkeiten zum Austausch ankommt. Für Kinder ist es wichtig, die eigenen Gefühle und Grenzen kennen zu lernen, sich selbst einschätzen zu lernen und Unterschiede in der Selbst_Wahrnehmung bemerken zu können. Dass es beim Thema Sexualität auch Sprechen/Handeln gibt, das gewaltvoll ist und das von Kindern auch als solches erkennbar und einschätzbar sein sollte, lässt sich unter einem pauschalen Nicht-passend-Sein nicht erklären. Die Grenzziehung, deren Anspruch ich herauslesen kann, aber hier nicht umgesetzt sehe, birgt die Gefahr, Sprechen per se zu verhindern.

Überraschend ist auch die Beschreibung, wann und wo Sexualität angemessen sei. Die Ausführungen, dass Straßenbahnen und Familienfeste keine Orte für Sexualität und intime Berührungen sind und dass Babys davon noch keine Ahnung haben, wenn sie an der Brust saugen, sind zwar humorvoll erzählt, wirbeln dann aber doch eine Menge unterschwelliger Normierungen durcheinander. Der öffentliche Raum ist nicht so einfach beschreibbar und er ist in Bezug auf Sexualität und Intimität beispielsweise heteronormativ und rassistisch strukturiert. Cruising Areas als subkultivierte Form öffentlicher Sexualität sind ein Teil queerer Geschichte. Dass sie existieren, heißt zwar nicht, dass sie unbedingt für alle öffentlich begehbar sein sollten – und dem entziehen sich diese Räume ja auch – es heißt aber auch nicht, dass öffentliche Sexualität sich „nicht eignet“, sondern vielleicht eher hegemonial verschwiegen wird. Genauso stellt sich mir die Frage, warum beispielsweise Küsse und Umarmungen nicht in den Bereich intimer Berührungen zu fallen scheinen (da sie ja laufend öffentlich stattfinden) und wessen (heteronormative? weiße? eurozentristische?) Vorstellungen welcher Küsse und welcher Umarmungen im öffentlichen Raum eigentlich hier kursieren? Ein „das eignet sich nicht“ eignet sich wiederum hervorragend für die Sprüchesammlung normierender Wortverbote, die wenig darüber aussagen, warum sie etwas verbieten und viel mehr über ein generelles Unwohlsein mit dem vielleicht zu sichtbaren Anderen.

Beide hier kritisierten normativen Eingrenzungen scheitern an ihrer Umsetzung. Bei beiden Beispielen wird mir schnell klar, welches Verhalten zwischen den Zeilen als gewaltvoll/grenzüberschreitend verhandelt wird und welche Einschätzungsmöglichkeiten Kinder und Jugendliche sich aneignen sollen, um gut auf sich achten zu können. In beiden Beispielen hapert es aber an textlicher Klarheit und ausführlicheren Besprechungen und so kann – wie hier für meine Wahrnehmung – die Eingrenzung leicht zur machtvoll durchzogenen normativen Setzung werden.

Grenz_Räume

Der Umgang mit eventuellen Gewalterfahrungen, mit körperlichen und seelischen Grenzen und mit dem Achten auf die eigenen Bedürfnisse wird in „DAS machen?“ ansonsten wunderschön vorsichtig und stärkend umgesetzt. Hier ist das Projekt merklich von Axsters Erfahrung in der Arbeit gegen sexualisierte Gewalt bei Kindern und Jugendlichen beeinflusst. Das großformatige Buch lädt dazu ein, auf den Seiten zu verweilen und sich zwischen den Zeilen so viel Zeit zu nehmen, wie eine_r braucht und möchte, um sich im Thema einzurichten. In „DAS machen?“ bekommen die Wörter und Bilder viel Platz sich zu entfalten, sich zu verstecken oder wichtig und groß zu werden. So wie die Sprache darauf verzichtet, zuzuschreiben und Hierarchien innerhalb sexueller Nicht_Handlungen zu kreieren, so werden auch Grenzen und Verletzungen als Realität etabliert, ohne moralische Ableitungen zu formulieren. Sexualität ist in „DAS machen?“ nicht eindeutig und diese Uneindeutigkeit lässt positive und negative Gefühle zu, ohne sie als gut/richtig oder schlecht/falsch zu klassifizieren. Von den Freundinnen „alles kriegen“, dabei aber „unter dem Glastisch liegen“, sich eine winterfeste Wollhaut auf den Körper zeichnen oder sich dem Mitreden über Sexualität zu verweigern, um stattdessen kreative Doppel-S-Wort-Sammlungen zu verfassen: Die Grenzen und Schutzmechanismen, die von den Protagonist_innen eingesetzt und benannt werden, werden nicht problematisiert, sondern als produktiver Beitrag zum Thema, als eigene Sicht etabliert. Ob die Kinder bei einem Spiel oder einer Aufgabe mitmachen wollen oder nicht, jeder Nicht_Zugang zu Sexualität ist eine wertvolle individuelle Handlungsweise, die ihren Zweck erfüllt und den Inhalt der Projektwoche bereichert. Und damit eröffnet sich ein Raum, der gut sein kann und in dem nicht gesagt wird, was eine_r mögen muss und was nicht, sondern in dem wir selbst über die Sinnhaftigkeit unserer Praxen entscheiden, indem sie sich für uns als wertvoll erweisen oder eben nicht.

Schließen und ab ins Netz

Zum Buch gehört eine Website (dasmachen.net), auf die die_der Leser_in auf der Impressumsseite hingewiesen wird und die konzeptuell das Buch erweitert. Die Website richtet sich wie das Buch hauptsächlich an Kinder und Jugendliche und vertieft einige Themen, die im Buch nur grob angesprochen werden. Wir finden hier Antworten auf einige Fragen, die Kinder im Buch gestellt haben, wir können eine Liste schwieriger Wörter nachlesen oder verschiedene kleinere Spiele spielen, die sich aus Themen des Buches ableiten. Die Queerness, die sich in „DAS machen?“ durch die textliche Offenheit ergibt, in der wenig festgeschrieben wird und vieles im eigenen fantasievollen Lesen entsteht, findet sich auf der Website leider nicht wieder. Die hier gesammelten Worterklärungen sind doch überwiegend heter@orientiert, mit einer Betonung auf Penis-in-Vagina-Sex und Formulierungen, die leicht ein Andern marginalisierter Lebensentwürfe und Sexpraktiken produzieren können. Das ist schade; als Lexikon und Informationsmöglichkeit rund um Sexualität und Körper ist die Seite trotzdem sehr wertvoll.

„DAS machen?“ ist ein Buch, dem auf jeden Fall Zeit gewidmet werden sollte, da es Fragen provoziert, die in die Tiefe gehen können und eventuell auffordern, ganz neu und anders über Körper, Sexualität und Intimität nachzudenken und zu sprechen. Bei jedem Durchlesen erneut herausragend ist die Art, wie sich die Sprache den Zuschreibungen entzieht und gemeinsam mit den Bildern einen weiten Möglichkeitsraum eröffnet. Abseits von Biologismen, Kinderkriegen und Krankheiten wird sich in „DAS machen?“ auf die Möglichkeiten konzentriert, alleine, gemeinsam, mit Freund_innen eine Sprache der Sexualität und Körperlichkeit zu entwickeln, die vom Wollen ausgeht, vom Aushandeln, vom Grenzen-Ziehen und vor allem Sich-gut-Fühlen. „DAS machen?“ ist damit ein seltenes, wertvolles Buch und sicherlich das beste Aufklärungsbuch, das ich bisher gelesen habe.

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Ich möchte Kathrin, Philipp und Steff danken, die mich auf einige der hier beschriebenen Punkte erst gestoßen und mein Nachdenken dazu angeregt haben.

Diskursmacht – Ressourcenbindung – deutliche Verhältnisse

In der letzten Zeit bin ich mehrfach über die Äußerungen Katrin Rönickes gestolpert. Das passiert normalerweise nicht, weil ich nicht mit ihr vernetzt bin, aus Gründen: Wann immer ich etwas von ihr wahrnahm, war klar, dass ihr Denken von Welt und meins sich grundlegend (und hoffentlich unvereinbar) unterscheiden. Ich bin selbst in einer sehr kleinen Ecke des Internets unterwegs und beschäftige mich mit so anderen Themen, dass Rönicke bisher eher selten dort auftauchen konnte. (Mir ist an dieser Stelle bewusst, dass andere, die nicht so versteckt im Internet sitzen wie ich, dieses (in diesem Zusammenhang) Privileg nicht teilen. Dazu passt der Text Die ach so tolle feministische Blogosphäre auf Medienelite.)

Dass ich nun doch immer mal wieder Texte von ihr finde, lässt mich zu dem Schluss kommen, dass sich Rönicke eine Sprecher_Innenposition erarbeitet hat, von der aus sie gut wahrnehmbar ist. Und das finde ich in Hinblick auf ihre Meinungen und Themen sehr problematisch. Ich denke ja gerne in Diskursen und werde vielleicht deshalb manchmal nervös, wenn mir die Verbreitung machtvoller Diskussionspositionen so deutlich vor Augen geführt wird.

Die letzten Wochen brachten zwei Aussagen_Vereinnahmungen Rönickes, die ich sehr kritisch finde.

Anfang September gab es eine CRE-Folge zum Thema Feminismus, in der Katrin Rönicke zu Gast war. CRE ist ein podcast mit großer Hörer_Innenschaft und lässt sich insofern als Plattform begreifen, über die Wissen breit gestreut werden kann. Dort, wo ich mich im Netz bewege, gab es viel Kritik an der Folge, weil der von Rönicke vorgestellte Feminismus einer war, der wichtige Teile der Geschichte verschiedener Feminismen ausblendete. Ich verweise an dieser Stelle auf den lesenswerten Text Geschichte wird gemacht (CRE 196) von ihdl, die das Fehlen intersektionaler und queerer Positionen kritisiert und herausstellt, dass Rönicke damit machtvoll einseitiges Wissen um Feminismen und damit Ausschlüsse produziert:

Die CRE-Folge ist […] ein hervorragendes Beispiel […] für eine Geschichtsschreibung, die dominante gesellschaftliche Positionen reproduziert und andere unsichtbar macht.

Womit ihdl schon wunderbar ausgedrückt hat, was mein großes Problem mit Rönickes Texten ist.

Ähnlich liest es sich jetzt in der Bildungs(sic!)kolumne beim Freitag, in der Rönicke Noah Sows Buch Deutschland Schwarz Weiss bespricht. Abgesehen davon, dass die Kolumne in einer reizenden Bilderbuch-Argumentation zeigt, dass Rönicke das Buch nicht verstanden hat, greift auch hier die Macht der dominanten gesellschaftlichen Position.

Der Text Du sollst Deine Leser nicht beschämen ist aus so verschiedenen Perspektiven heraus kritikwürdig, da weiß mensch gar nicht, wo sie_er anfangen soll. Einen schönen umfassenden Beitrag gibt es bei shehadistan mit Critical Whiteness und das Ende der Sektstimmung. Und in Keine falsche Scham auf takeover.beta betreibt Stephanie ein kleines feines Gedankenspiel zur von Rönicke mehrfach strapazierten Scham. Rönicke reiht sich im Übrigen in das momentan offensichtlich angesagte Bashing zur Kritischen Weißseinsforschung/zu den Critical Whiteness Studies ein, dazu gibt es aus anderem Anlass schon einen guten Text von accalmie: Decolorize the Color Line?

Ich möchte hier die von ihdl angeführte dominante Geschichtsschreibung aufgreifen, die mir persönlich in Rönickes Texten massiv auffällt. Rönicke schreibt diesmal an die potenziell große Leser_Innenschaft des Freitags und besetzt damit wieder einen Ort, von dem aus sie machtvoll ihre Wahrnehmung von Welt verbreiten kann, auf diese Dynamik weist auch side-glance hin.

Von diesem Ort aus stellt sie sinngemäß fest, dass sie sich beim Lesen nicht wohlgefühlt habe, warum Sow in Sachen Bildung und Vermittlungsarbeit versagt habe und dass Sow Rönicke nicht kenne, weshalb das Buch auf Rönicke nicht zutreffen könne. Ohne eigene Worte reagiere ich hier kurz mit einem passenden Zitat:

[…] trotz divergierender individueller Positionalitäten können sich Weiße nicht außerhalb struktureller Gegebenheiten von Weißsein situieren.
Peggy Piesche und Susan Arndt: Weißsein. Die Notwendigkeit Kritischer Weißseinsforschung, in: Susan Arndt, Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.) (2011): Wie Rassismus aus Wörtern spricht, 193.

Heißt: Liebe Katrin Rönicke, Noah Sow muss Dich gar nicht kennen, um über strukturellen Rassismus und dessen Bedeutung für die Bildung weißer Subjekte schreiben zu können. Sorry!

Ein bisschen gelernt habe Rönicke durch Deutschland Schwarz Weiß aber dennoch, nämlich, aufgepasst:

dass es wissenschaftlich gesehen nicht korrekt ist, bei Menschen von “Rassen” zu sprechen.

Na, herzlichen Glückwunsch!

An sich ist das ja eine gute Sache, jede Person hat das Recht, irgendwann mal bei Null anzufangen, wenn es um die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Rassismen geht. Schön also, dass Rönicke beginnt, über Rassismus nachzudenken. Beredsam ist hier, dass ihr Lernen zu Rassismus noch nicht besonders weit gekommen ist (sonst hätte sie oben stehenden Satz nicht als eine der Quintessenzen für sich erlebt), Rönicke dies aber trotzdem breit kundtun kann.

Indem sie ihr in einem(!) Buch aufgelesenes Wissen zu Rassismus so öffentlich in einer Bildungs(!)kolumne positioniert, überschreibt sie mal eben (und ein weiteres Mal unter vielen) ein seit Jahrzehnten existierendes ausdifferenziertes und heterogenes Wissenschafts_Praxisfeld. Weil sie die Möglichkeit, die diskursive Macht, die kulturellen Ressourcen dazu hat.

An Stelle ihres Artikels hätte auch eine Bildungskolumne zu Weißsein von Noah Sow stehen können oder von einer der diversen anderen Personen, die sich mit Rassismus und/oder Kritischer Weißseinsforschung im deutschsprachigen Raum beschäftigen. Das hätte bedeutet, dass die Leser_Innen des Freitags Einblick in ein Schwarzes/People of Color (PoC)/Alliiertes Wissensarchiv bekommen hätten, was vielleicht zur Bildung neuen Wissens und veränderter Perspektiven geführt hätte. Durch Rönickes Beitrag wurde dagegen lediglich die Selbstverständlichkeit weißer Wissensproduktion, weißer Ressourcenbindung und damit weißer Ausschlusspraxen abgebildet.

Es spricht Bände, dass Rönicke eine Bildungskolumne füllen und als weiße Person ohne jegliche Ahnung – geschweige denn Anbindung ans Feld – jahrelange Forschungen_Überlebensstrategien zu Weißsein als nicht so ganz nach ihrem Geschmack diffamieren darf. Sie schreibt, ohne deutlich zu machen, dass sie sich zentral in einem Feld positioniert und dabei die Vielstimmigkeit dieses Feldes verschweigt.

Und das ist eben nicht ein unangenehmer Artikel, den ich nicht gerne gelesen habe, sondern das ist weiße Strategie und weiße Politik, die durch die Besetzung von Stellen und die Setzung von Themen ein mediales Sprechen zu Rassismus/Weißsein weiß hält und die Partizipation von Schwarzen Menschen und PoC aktiv verhindert. Das ist die Stabilisierung rassistischer Diskurse und ein weißes Profitieren auf Kosten anderer.

Und das erschreckt mich nachhaltig an den Texten Rönickes. Offensichtlich hat sie sich eine Position erarbeitet, von der aus sie machtvoll sprechen kann. Das, was ich höre, sind bitterster Ausschluss und das zum-Schweigen-bringen anderer Positionen im Diskurs.

Zur Schreibweise:

Ich folge einer Konvention der deutschsprachigen Rassismus- und Kritischen Weißseinsforschung und schreibe “Schwarz” durchgängig groß, um auf Ermächtigungspraxen und Widerstandspolitiken hinzuweisen. Da sich Weiße aufgrund ihrer gesellschaftlichen Privilegierung in Bezug auf rassistische Verhältnisse nicht ermächtigen müssen, ist “weiß” klein geschrieben. Die Kursivschreibung hebt das Wort hervor, weil sowohl Schwarz als auch weiß keine essentiellen Bezeichnungen sind, sondern auf gesellschaftliche Konstrukte innerhalb einer Systematik des Rassismus verweisen.
(Vgl.: Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt (2009): Konzeptionelle Überlegungen, in: Dies.: Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland)

Zum Weiterlesen:

bell hooks – Weißsein in der schwarzen Vorstellungswelt, in: bell hooks (1994): Black Looks. Popkultur – Medien – Rassismus, 204-220.
Einer von vielen Texten, in dem mensch lesen kann, dass es “diese Theorie”, von der Rönicke schreibt (oder auch nicht), schon etwas länger gibt, und zwar auch zugänglich für Deutschsprachige außerhalb eines akademischen Kontextes.

Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt (Hrsg.) (2009): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. 2. überarb. Aufl.
Ein akademisch_aktivistischer Sammelband zu Weißsein und Kritischer Weißseinsforschung aus Schwarzer, PoC und alliierter weißer Perspektive.

Noah Sow (2008): Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus.
Darum ging es ja die ganze Zeit. Ein tolles, lesenswertes Buch, das Weißsein lehrt.

Ergänzung

Metalust und Subdiskurse Reloaded schreibt eine wunderbare Ergänzung: Katrin Rönicke und der Wohlfühlantirassismus

Was zieh’ ich meinem Kind nur an?

Dieser Text ist langsam überfällig, ich schlepp schon länger die Überlegungen dazu mit mir rum. Und außerdem verdient die Seite ja auch mal wieder was Neues.

Ich hatte in letzter Zeit relativ viel zu tun mit Kindern, die in alternativen/linken/queeren/gendersensiblen/etc. Zusammenhängen leben. In meinem Alltag begegnet mir das leider nicht so häufig, ich war aber dieses Jahr zuerst auf dem GenderCamp und im Sommer auf dem wer lebt mit wem?. Auf dem GenderCamp ist mir schon die letzten Jahre immer wieder aufgefallen, dass das Geschlecht von Kindern und dessen Re/Präsentation ein Thema sind, über dass sich die Leute, die im Alltag Verantwortung übernehmen, sehr sehr viele Gedanken machen können.

Ich schreibe hier Re/Präsentation von Geschlecht, tendiere aber eher zu Präsentation von Geschlecht, weil ich mich im Folgenden hauptsächlich auf sehr kleine Kinder beziehen werde, die möglicherweise noch nicht so viele Möglichkeiten haben, die eigene Repräsentation mitzubestimmen.
Und ich möchte hier erstmal von cis*-Kindern ausgehen, ich finde, dass die Diskussion zu trans*- oder inter*-Kindern andere Parameter beachten muss. Das wäre eher noch mal ein anderer Text, in dem die spezifischen Gewaltverhältnisse Beachtung finden sollten, die inter*- oder trans*-Kinder betreffen. Das heißt natürlich auch, dass ich *annehme*, es würde sich bei den von mir beschriebenen Kinder um cis*-Kinder handeln. Und dieser Problematik bin ich mir sehr bewusst.

Die Leute mit Verantwortung für Kinder, über die ich hier schreiben möchte, haben sich wahrscheinlich alle schon mal in der einen oder anderen Weise Gedanken zu Geschlecht als Konstruktion, Genderperformance und gesellschaftlicher Wahrnehmung von Gender/Geschlecht gemacht. Und zwar wahrscheinlich in einem Maße, dass es für sie nicht selbstverständlich, natürlich und schon immer so gewesen ist, dass Jungen blau und Mädchen rosa tragen.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, mit einem bestimmten nicht-hegemonialen Wissen von der Welt Verantwortung für Kinder zu übernehmen. Das eigene Weltbild clasht ganz gewaltig mit dem, was “die Schule”, andere Kinder oder Erwachsene so für normal halten. Aufeinanderprallende Verständnisse von Welt fallen dann plötzlich zuhause ein und müssen auf einem Level ausgehandelt werden, das ich früher (ohne häufigen Kontakt zu Kindern) einfacher umgehen konnte. Insofern hoffe ich, es im Ansatz nachvollziehen zu können, was andere Leute erleben, wenn in ihrem Alltag ein Kind eine große Rolle spielt und das eigene Wissen sich doch vehement vom hegemonialen unterscheidet.

Jetzt aber mal langsam zum Thema: Nach all der Vorgeschichte und den Erläuterungen geht es mir hier um etwas, was ich jetzt schon mehrfach gesehen habe und was ich sehr problematisch finde:
Wenn Menschen ihr Wissen, dass Geschlecht eine Konstruktion ist, von Kindern tragen lassen.

Genauer: Auf dem wlmw hatte ich einen positiv_negativen Moment der normativen Verwirrung.
Ich hatte schon ein paar Mal ein sehr junges Kind gesehen, welches ich als weiblich eingeordnet hatte. Das hatte ich getan, weil das Kind ein paar stark gegenderte Attribute trug: Lange Haare mit Zopf, Haarspangen, Armbänder, Halskette und Kleidchen (glaube ich, ich kann nicht mehr jedes Detail erinnern).
Als es dann wärmer wurde, musste ich erkennen, dass ich vorschnell eingeordnet hatte und dieses Kind wahrscheinlich bei der Geburt als männlich eingeordnet worden ist.

Da bin ich also seit Jahren glücklich queer und trans*, vermute mich als kritisch, hinterfragend und so weiter und dann kommt eine Person mit Zopf und ich weiß sofort: Mädchen. Nun ja. Lektion gelernt: Offensichtlich muss ich in Zukunft dringend versuchen, noch vorsichtiger mit geschlechtlichen Zuschreibungen umzugehen.

Die Situation hat für mich aber auch noch eine ganz andere schwierige Dimension wiederholt, die ich auch auf dem Camp schon in für mich sehr produktiver Weise im Zweiergespräch diskutieren konnte mit einer Person, der es ähnlich ging wie mir. Danke! An dieser Stelle.

Ich finde es nämlich sehr problematisch, wenn Kinder, die vor allem noch nicht selbst und für sich sprechen können, so stark gegendert cross-gedresst werden (oh, interessante Anglizismen…).
Generell finde ich es nicht so schön, dass Kinder von Erwachsenen stark gegendert werden, da ist es mir erstmal egal, ob die Art der Accessoires dem zugewiesenen Geburtsgeschlecht entsprechen oder nicht (und ich spreche hier von einem *starken* Gendern). Kinder auf eine besonders gegenderte Weise anzuziehen, halte ich persönlich für fremdbestimmtes Gendern und das finde ich übergriffig und das eigene gegenderte Werden verletzend. (Wie andere Sachen auch, so was wie “ein Junge darf nicht” oder “Mädchen sollten”.) Es gibt Möglichkeiten, Kinder so anzuziehen, dass einer_m das angebliche Geschlecht nicht sofort in die Augen springt.
Was ich auch sehe ist, dass die mich umgebende Gesellschaft da häufig sehr strikte Vorstellungen hat, was Geschlecht und die Verkleidung desselben angeht. Und ich weiß gut, dass Abweichung sehr schlimm sanktioniert werden kann. Es ist also unter Umständen eine sinnvolle Überlegung, ob ein kleines Kind wirklich am eigenen Leib Utopien tragen muss, die ihre_seine Umwelt längst noch nicht verstanden hat.

Die oben beschriebene Situation ist herausragend, ich habe aber schon einige abgemilderte ähnliche Situationen erlebt, in denen Kinder von für sie verantwortlichen Erwachsenen *bewusst* entgegen dem Geburtsgeschlecht angezogen oder geschmückt wurden. Alle Kinder, bei denen ich das beobachtet habe, waren noch sehr klein, so dass die Erwachsenen vermutlich die alleinige Kontrolle über den Kleiderschrank hatten. Die Erwachsenen habe ich alle wahrgenommen als die oben beschriebenen, die sich schon viele Gedanken über Geschlecht/Gender gemacht haben und sich vermutlich als progressiv einschätzen/bezeichnen würden.
Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Kinder dabei die Träger_Innen der Utopien der Erwachsenen sind. Sie hatten aber bisher weder die Chance, sich etwas aus dem breiten Gender-Angebotsspektrum auszusuchen, noch sich mit eventuellen Utopien rund um Geschlechtlichkeit, Gender und Repräsentationspolitiken gleichberechtigt auf einem für sie passenden Level zu beschäftigen.

Ich halte es für sehr fragwürdig, wenn ein Kind so angezogen wird, dass es von seiner normativen Umwelt (die ja offensichtlich mich mit einschließt), beständig entgegen seines zugewiesenen Geburtsgeschlechts gelesen und/oder angesprochen wird. Wie gesagt – ich finde diese super-geschlechtseindeutige Aufmachung sowieso schwierig, auch wenn die Kleidung vermeintlich zum zugewiesenen Geburtsgeschlecht passt.

Hier wird ein Kind aber bewusst in die Rolle des Anderen/Abweichenden/Queeren gesteckt. Und das, ohne dass sich das Kind die Position großartig selbst aussuchen konnte.

Ebenfalls weiß ich nicht, ob diejenigen, die für das Kind verantwortlich sind, trans*/inter*/queere Empowerment-Arbeit mit ihrem Kind machen oder Kontakt zu Trans*, Inter* oder queeren Menschen herstellen, so dass das Kind in einer Weise mit den Anrufungen durch die Umwelt umgehen kann, aus der es möglichst stark hervorgeht.
Und an der Stelle halte ich es tatsächlich für sehr schwierig (und komplex), dass die Menschen, die ich bisher als ihr Kind cross-dressende wahrgenommen habe, alle (nach meiner Wahrnehmung, aber klar, siehe oben) cis* und in eher Hetero-Zusammenhängen lebend waren.

Normative Ansichten zu Geschlecht sind ja leider immer noch ziemlich stark und gewalttätig. Ich befürchte, dass Kinder, die entgegen dem ihnen zugewiesenen Geschlecht gekleidet werden, relativ schutzlos heterosexistischen Strukturen ausgeliefert werden, ohne gleichzeitig das nötige queere/trans*/inter* Wissen zu bekommen, das sie aber dann dringend bräuchten.

Und ich bezweifle auch ernsthaft, dass Kinder, die auf eine Art und Weise angezogen werden, die sie immer wieder aus der Normalität fallen lässt, ohne dass sie sich selbst für das Fallen entscheiden konnten, dies auf die Dauer als positiv empfinden (klar, ich weiß natürlich nicht, was wer empfindet). Ich habe eher Angst, dass hier im Namen von trans*/inter*/queer und den Utopien, die sich daraus entwickeln können, etwas ziemlich schief hängt und Kinder als Zeichen der Nicht-Normativität ihrer Erwachsenen benutzt werden.

Also vielleicht: Kritische Cis*-Reflexion für gendersensible/linke/alternative Menschen, die Verantwortung für junge Kinder haben.

FLT* – bitte entscheiden Sie sich jetzt.

FLT*-Räume sind Räume, die den Zugang nur für Frauen, Lesben und Trans*leute öffnen und die durch diese Zugangsbeschränkung einen geschützten/geschützteren Raum sicherstellen wollen. Innerhalb dieses Schutzes ist es unter Umständen einfacher, (womit auch immer, seid kreativ!) aktiv zu werden, ohne dass da Leute sind, die “das alles schon gemacht haben und deshalb wissen wie es geht und es dir mal eben zeigen”. FLT*-Räume sind sinnvoll, so lange sie von den Menschen, die auf sie angewiesen sind, als sinnvoll erachtet werden. Punkt.

Mein eigenes Verhältnis zu FLT*-Räumen ist ein sehr zwiespältiges. Einerseits freue ich mich über jeden neuen Raum, der bestimmten Leuten Schutz bieten kann. Ich empfinde FLT*-Veranstaltungen nicht als Beschränkung, sondern als erfreuliches Zusatzangebot (diejenigen, die sich darüber ärgern, dass sie nicht teilnehmen dürfen, können ja die anderen 47 parallel stattfindenden Parties besuchen und nein – hierbei handelt es sich nicht um Sexismus). Andererseits bin ich so gut wie nie in FLT*-Räumen oder auf -Veranstaltungen.
(In diesem Absatz habe ich es mir erlaubt, an einer Stelle etwas zu übertreiben.)

Einige Gründe meiner chronischen Abwesenheit möchte ich hier diskutieren. Ich freue mich, wenn der Text hilfreich bei der Positionierung neuer FLT*-Räume ist und ich freue mich über einen produktiven Austausch zu meinem Post.

Mein etwas unglückliches Verhältnis zu FLT*-Veranstaltungen beschreibe ich am besten anhand eines Vorfalls von vor ein paar Monaten.

Eine FLT*-Gruppe mit Freundinnen-Content hatte eine Party organisiert und mein eines Beziehungsdrittel und ich hatten beschlossen hinzugehen, obwohl wir beide mit dem FLT*-Konzept nicht auf so freundschaftlichem Fuß stehen. Die Party war um die Ecke, sie war nett, es gab leckere (vegane) Cocktails und ein schönes und lustiges Programm. Ich hab mich mit Präsenz auf der Party zurückgehalten, war sowieso relativ müde und bin dann auch früh wieder gegangen.

Besagte Freundin und Orga-Gruppenmitglied hat mir nach der Party gesagt, dass sich Anwesende beschwert hätten aufgrund der maskulinen Präsenz auf der Party.

Okay.

Der durch die Markierung “FLT*” geschützte Raum hat sich im Nachhinein als ein Raum entpuppt, der nur für einige der Anwesenden ein sicherer war. Während einige Besuchenden dachten, sie seien bei FLT* ‘unter sich’ (“aber es geht doch um Frauen!”), mussten sie feststellen, dass sich in dem Raum nicht erwünschte bzw. erwartete Menschen befanden. Diese wiederum hatten vielleicht das Gefühl, mit gemeint zu sein, waren es aber für einen Teil der Anwesenden offensichtlich nicht. Ich persönlich hatte mich unter die Zielgruppe gezählt (“da steht doch T*!”), habe danach aber erfahren, dass ich offensichtlich störend aufgefallen bin.

Meine Lust, zu FLT*-beschränkten Veranstaltungen zu gehen, hat sich seitdem noch stärker in Grenzen gehalten. Allerdings hatte ich Futter für diesen Blogpost.

Ich glaube nicht, dass das Problem im Format FLT* selbst liegt. Okay – ich persönlich halte nicht so viel von identitätsbasierter Politarbeit und versuche, meine Projekte anders zu gestalten. Ich bewege mich aber immer wieder in über Identität definierten Räumen oder an deren Rändern und profitiere ja auch davon. (Aber das mit den Identitäten ist ein anderer Text, der an einem anderen Tag geschrieben werden soll.)

Ich habe schon Definitionen von FLT*-Räumen gelesen, die sich für mich sehr schlüssig, umsichtig und der eigenen Ausschlüsse bewusst anhörten. Das ist allerdings ein Stück Arbeit. Die nicht weiter erklärte Bezeichnung allein mit FLT* reicht – siehe Beispiel – nicht aus.

FLT* hat sich als Markierung so sehr verbreitet, dass wahrscheinlich häufig die Abkürzung für (selbst)verständlich genommen wird, ihr Inhalt aber gar nicht mehr so genau definiert wird. Die Marker F/L/T* umfassen ein riesiges Spektrum an Identitäten und Genderperformances, die nicht einfach von den einzelnen Buchstaben wiedergegeben werden. Die von FLT* angesprochenen Personen gehören verschiedenen Subkulturen an und handeln unter Umständen entsprechend sehr unterschiedlicher subkultureller Codes, die nicht unbedingt von allen gekannt werden. Das Nicht-Kennen oder Nicht-Erkennen solcher Subkulturen und Codes schließt immer auch die Veranstaltenden selbst mit ein.

Dazu kommt die Problematik, bestimmte Gruppen auszuschließen (bei FLT* betrifft das Männer und das T* in der Abkürzung spricht eigentlich dafür, dass nur Cis-Männer gemeint sind; es bleibt ungenau), und diesen identitären und/oder biologisch begründeten Ausschluss mit einem Verhaltenskodex zu verknüpfen. (Da lande ich schon wieder bei der Identitätspolitik, siehe oben.)

Schließlich bleibt das unerwünschte Verhalten selbst häufig schwammig – was genau verstehen die Veranstaltenden beispielsweise unter “Sexismus” oder “Mackertum”? Solche Begriffe tauchen bei Ankündigungstexten als Schlagwörter auf, von denen alle denken, sie wüssten, was sich dahinter verbirgt.
Ich weiß, hier werde ich sehr genau, ich spreche selbst häufig genug undefiniert über Sexismus oder Mackertum. Aber in diesem Fall geht es um Raumgestaltungen und -definitionen aufgrund von Gender und Verhaltensweisen, bei denen die Vorstellungen, die hinter den definierenden Wörtern stecken, ungenau bleiben. Das mündet in Bezug auf die oben erzählte Geschichte in der Frage: Was ist denn maskuline Präsenz?

Die Sicherheit, die von FLT*-Veranstaltungen für die Besuchenden geboten wird, orientiert sich meines Erachtens also nicht an den Buchstaben, sondern daran, mit welchem Wissen, mit welchen Intentionen und mit welcher Transparenz von der Orga-Gruppe mit dieser Bezeichnung umgegangen wird.

Stellen sich die Organisierenden von FLT*-Räumen die möglichen verschiedenen Performances und Identitäten vor, die sich unter dem Label angesprochen fühlen könnten? Haben sie ein ausreichendes Wissen zu feministischen, lesbischen, trans* und queeren Subkulturen und deren Performances von Maskulinität und Femininität, um einen Raum zu schaffen, der für (wenn nicht alle, dann) viele dieser Leute offen ist? Denken sie dabei auch die Anforderungen mit, die ein Raum bieten muss, um beispielsweise FLT* of Color oder mit Behinderung willkommen zu heißen?

Um das ganze zu verkomplizieren: Das muss ja gar nicht sein. Jede Gruppe, die einfach platt Männer/Männlichkeit ausschließen möchte, soll das bitte tun. Ich wünsche mir allerdings von Organisierenden, dass die Gruppenpolitik transparent gemacht wird und Zugangsbeschränkungen ausformuliert werden. Und zwar so, dass nicht nur die Orga-Gruppe weiß, wer zur Zielgruppe gehört, sondern dass auch die Zielgruppe darüber informiert wird, wer möglicherweise auf der Veranstaltung auftaucht und wer nicht willkommen ist. Leute, die wissen, unter welchen Umständen sie nicht willkommen sind oder wieder einmal nicht mitgedacht wurden, können das an solchen Erklärungen ebenfalls erkennen und sich daraufhin ein weiteres frustrierendes Veranstaltungserlebnis sparen.

Ganz offensichtlich müssen die Erklärungen von Räumen genauer sein als “FLT*”, denn “FLT*” reicht als Sicherheit schaffende erklärende Beschreibung nicht aus. (Mein T* war ganz offensichtlich nicht das T* einiger anderer.) Zugangsbeschränkte Räume brauchen in meinen Augen genauere Erklärungen, wer aus welchen Gründen erwünscht ist und rein darf und wer aus anderen Gründen draußen bleiben soll.

Produkt solcher genau offen gelegten Selbstpositionierungen und Festlegungen ist ein Raum, in dem zumindest zum Teil ehrliche Ein- und Ausschlüsse transparent gemacht werden. (Zum Teil, weil ich davon ausgehe, dass eine Orga-Gruppe immer wieder Themen vernachlässigen, nicht wahrnehmen oder für unwichtig halten wird.) Räume, aus denen konsequent ausgeschlossen werden soll, funktionieren nicht mehr mit Ausnahmen, “weil das ein Freund ist und wir wissen, dass er fit ist” oder Problemausklammerungen, “weil die Leute eh noch nie gekommen sind und das Problem deshalb kein aktuelles ist”. Wer Räume schaffen möchte, die ausschließen, muss in Konfrontation gehen und möglicherweise Freund_innen und Bekannte draußen stehen lassen.

Im Zweifelsfall wird den Raumbesuchenden eine böse Überraschung und den eigentlich nicht Erwünschten eine verletzende Erfahrung erspart.

Zum Weiterlesen

Während des Schreibens bin ich auf zwei Texte gestoßen, die mich inspiriert haben. Ich stimme mit ihnen zwar nicht gänzlich überein (dann hätte ich auch nichts schreiben müssen), möchte sie hier aber dringend empfehlen:

Lena Schimmel schreibt auf ihrem Blog sehr persönlich über Frauenräume und Safe Spaces aus Trans*frauensicht.

Und eine sehr ausführliche Auseinandersetzung aus linker trans*männlicher Sicht mit dem Ausschluss von Trans*frauen aus zugangsbeschränkten Räumen findet sich bei autotrans* & w.i.r.

Zum Organisieren

Ganz besonders ans Herz legen möchte ich euch schließlich noch die Broschüre “Frauenräume und die Diskussion um Trans*-Offenheit“, die GLADT herausgegeben hat. Der Text ist super, insbesondere, wenn ihr vorhabt, selbst eine zugangsbeschränkte Veranstaltung zu organisieren oder wenn ihr in einer Gruppe seid oder eine gründen wollt.

FSK 16

In meine Timeline flatterte neulich die Begründung der FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft), den Film Romeos ab 16 freizugeben.
Nachzulesen auf der Webseite der Regisseurin: http://sabine-bernardi.de/

Die Begründung ist fürchterlich, trieft vor Heteronormativität und obwohl ich glaube, dass sie nicht so überraschend ist, werde ich trotzdem mal ein paar Wuttasten über sie ergehen lassen. Weil ich mich wirklich geärgert habe.

Der Film selbst interessierte mich bisher nicht so sehr, ich steh nicht so auf Liebesfilme. Er kommt jetzt in Hamburg ins Kino, mag sein, dass ich ihn dann doch noch mal gucke. Mich interessiert tatsächlich auch nicht wirklich, ob der Film nun ab 12 oder ab 16 gesehen werden darf, wobei ich schon mitgekriegt hatte, dass Romeos eher seicht im Sinne von nicht so aufregend ist.

Ganz kurz und so weit ich weiß: Romeos ist ein Film über einen jungen Transmann, der sich in einen Cistypen verliebt, sich aber offensichtlich erst mal nicht (edit wegen eigener Ungenauigkeit:) trans*outen will. Was zu einigen Situationen führt. Die Geschichte dreht sich dann um die beiden und die beste Freundin des Protagonisten, die ihn noch von früher kennt. Also wohl eine Coming Out / Coming of Age – Geschichte mit trans* und schwul/lesbischem Einschlag.

Was mich an dieser Stelle umtreibt, sind die Gründe der FSK, den Film nicht, wie angefragt, ab 12 freizugeben. Ich werde mir also die Begründung in Zitaten hier etwas genauer angucken. Pfui und los geht’s:

“Der Film zeigt einen leidenden jungen Menschen, der auf seinem Weg der Geschlechtsumwandlung mit seinem Umfeld, mit Spott und Vorurteilen zu kämpfen hat. Damit behandelt der Film ein schwieriges Thema, welches für die Jüngsten der beantragten Altersgruppe, die sich in diesem Alter in ihrer sexuellen Orientierungsphase befinden, sehr belastbar [sic] sein könnte.”

Moment. Ich dachte, Kindheiten haben die ganze Zeit damit zu tun, wie es sich mit einem auch mal fiesen Umfeld, mit Spott und mit Vorurteilen klarkommen lässt? Das Leben von Kindern ist nicht Friede, Freude, Eierkuchen. Kinder sind in dem Alter schon zu grandiosen Reflexionsleistungen fähig und ich bin mir sicher, dass das der FSK nicht unbekannt ist. Es gibt diverse Kinder- und Jugendbücher und -Filme, die sich darum kümmern, Kindern “schwierige Themen” nahezubringen, um ihnen das eigene Leben zu erleichtern. Dazu gehört durchaus auch Sexualität. Das Zitat hakt.

Tatsächlich ergibt der Satz oben erst wieder Sinn, wenn ich ihn in einen ganz bestimmten Kontext packe. Nämlich den gepanschter Cis- und Heteronormativität. Der wird oben schon angerissen: (Ironiemodus) Das mit der Geschlechtsumwandlung ist ein Problem und kann für Kinder in ihrer sexuellen Orientierungsphase sehr belastend sein. Also sollten sie damit besser nicht in Berührung kommen. (/Ironiemodus)
Dazu kommt ja noch das mit der Homosexualität:

“Das Thema selbst [bezieht sich irgendwie auf das Zitat oben, ist ja auch irgendwie echt kompliziert] ist schon schwierig für 12- bis 13-Jährige und die Schilderung einer völlig einseitigen Welt von Homosexualität im Film könnte hier zu einer Desorientierung in der sexuellen Selbstfindung führen.”

Das ist eindeutig. Es werden reihenweise Filme mit expliziten sexuellen Inhalten ab 12 Jahren freigegeben, in denen eine völlig einseitige Welt von Heterosexualität gezeigt wird. Die FSK vermutet nicht, dass diese Filme Kinder verwirren könnten. Die Vorstellung, Homosexualität im Film führe zu Desorientierung, geht aber auch nur, wenn Heterosexualität naturalisiert wird und damit nicht nur das ist, was innerhalb der Gesellschaft normal und gewünscht ist, sondern auch das, wohin sich Kinder ohne Desorientierung entwickeln werden.
Heterosexualität ist hier die Ausgangsposition, von der es nur desorientierte Abweichungen geben kann. Offensichtlich erkennt die FSK hier eine so schwere Abweichung, dass Menschen bis 15 davor geschützt werden müssen.

Tatsächlich schießt sich die FSK selbst ins Aus, indem sie schon bemerkt, dass die Natürlichkeit der cissexuellen Findungsphase offensichtlich schon durch einen einzigen nicht-ganz-heterosexuellen Film empfindlich gestört werden kann. Vielleicht ist das mit der Heterosexualität doch nicht so natürlich, vollorientiert und unproblematisch.

Ganz nebenbei finde ich es erstaunlich, dass dieser Film einseitig homosexuell ist. Heißt das, dass hier nur Szenen aus der schwullesbischen Szene vorkommen? Oder dass alle Szenen, in denen größere Gruppen oder Alltagssituationen gezeigt werden, nur von Homosexuellen bevölkert werden? Letzteren Film würde ich der FSK ja tatsächlich gerne wünschen, um eine Ahnung davon zu schaffen, wie vollkommen heterosexuell eigentlich *fast alle anderen* Filme sind.

“Die explizite Darstellung von schwulen und lesbischen Jugendlichen und deren häufige Partnerwechsel können verwirrend auf junge Zuschauer wirken, auch wenn der Film auf Bildebene [sic] nicht schamverletzend ist und niemanden diffamiert.”

Wunderbar, die FSK wälzt sich schnell noch in (nebenbei: wirklich alten!) Vorurteilen, ist ja auch furchtbar, diese promiskuitiven Schwulen und Lesben! Ich sehe vor meinem geistigen Auge haufenweise 12- und 13-Jährige ihre monogamen Langzeitbeziehungen beenden und nun mit der_dem Sitznachbar_in auf der linken Seite rumknutschen! Sodom und Gomorrha! Das haben wir hier nämlich:

“Der Film spiegelt eine verzerrte Realität wider, die Kinder aufgrund keiner oder zu geringer Erfahrungen nicht erkennen können.”

Okay. Verzerrte Realität – soll ich das noch mal kommentieren? Wenn Realität nur aus Heterosexualität bestehen kann, dann muss sie ja verzerrt werden, wenn denn mal was anderes vorkommt. Das Zitat gibt doch zu denken: Viele deutsche Kinder verfügen noch mit 12 oder 13 über erschreckend desorientierte einseitige Erfahrungen!

Die Kinder ohne Erfahrung freuen sich ja vielleicht sogar über Horizonterweiterungen. Die Tatsache, dass es Kinder gibt, die mit dem Film noch viel mehr anfangen können oder ihn sogar für die sexuelle Selbstfindung bitter nötig hätten, würde die FSK wahrscheinlich implodieren lassen.
Und rein aus Interesse: Wenn die Kinder die verzerrte Realität sowieso nicht erkennen, warum können sie dann den Film nicht einfach sehen?

“Der Film bedient sich keiner zotigen Sprache und diskriminiert Homosexuelle nicht, so dass er für ältere Altersgruppen nicht als problematisch beurteilt wird.”

Da hat der Film seiner Beurteilung aber einiges voraus.

Dieser Dreh in der Begründung hat mich wirklich fasziniert, die FSK positioniert sich hier tatsächlich als Kämpferin gegen die Diskriminierung von Schwulen und Lesben.

“Für ältere Rezipienten ist die Filmgeschichte einordbar und verkraftbar.”

Wenn die natürlich-heterosexuell entwickelten Jugendlichen dann mit 16 ihre sexuelle Orientierungsphase hinter sich gelassen haben, kann man sie den Gefahren homosexueller Verzerrungen und Desorientierungen aussetzen. Die Jugendlichen werden die Homosexuellen entsprechend einordnen und verkraften können und gehen gestärkt aus diesem schwierigen Thema hervor.

Btw: Ging es nicht anfangs noch um trans*? Das Thema ist irgendwie bei all der Homosexualität auf der Strecke geblieben. Wahrscheinlich bestand wieder Implosionsgefahr.
Aber ehrlich: Eine Begründung, in der der Protagonist eine “Transformation von einer Frau zu einem Mann” macht, während er “eigentlich ein Mädchen ist” und in der unter dem Begriff “Coming Out” schwules und trans* Coming Out wahllos gemischt und verwechselt werden. Was hab ich denn anderes erwartet?

Dokumentiert

Vor ein paar Tagen sah ich auf arte die Dokumentation “Meine Seele hat kein Geschlecht” (ich schweige zum Titel) über vier Trans*leute, die sich alle unterschiedlich maskulin verorten (leider momentan nicht mehr online). Beim Gucken erlebte ich ein interessantes Wechselbad der Gefühle von “Yeah – total gut” zu “oh nein, nicht das schon wieder”. Das ist es wert, etwas genauer auseinander genommen zu werden.

Vorweg: “Meine Seele hat kein Geschlecht” ist eine der intelligentesten Trans*Dokus, die ich bisher gesehen habe (ich hab einige gesehen). Für den Mainstream-TV-Bereich würde ich sogar sagen: Die Beste. Das hat mich sehr gefreut und wenn ihr die Chance habt, die Doku zu sehen, dann tut das, es lohnt sich. Da steckt ganz viel drin.

Was diese Doku von anderen abhebt:

Den vier Protagonist_innen wird sehr viel Raum gegeben, sie werden vielschichtig portraitiert und vor allem! reflektieren und dekonstruieren sie sehr selbstbewusst und überlegt die eigene Position, Männlichkeit/Maskulinität und Transition.

Hier: Kein furchtbares Leiden, kein Leben im falschen Körper, kein Verstecken, keine schrecklichen Narben und kein immer wieder reproduziertes Mackergehabe, weil das ja zur Männlichkeitsperformance dazugehöre.

Statt dessen: Kritik am medizinischen System, das Trans*leute durchlaufen müssen, wenn sie Namens- oder Körperänderungen durchsetzen wollen (das ist übrigens in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich, ich selbst spreche aus dem deutschen Kontext). Kritik am Zweigeschlechtersystem, an Sexismus und patriarchalen Verhältnissen und – wow und danke dafür! – Reflexionen über die Privilegien, die sich ergeben, wenn eine_r dann plötzlich mehr und mehr männlich passt. Und sogar ein Nachdenken darüber, wie ftm* kritisch mit diesen Privilegien umgehen kann.

Und dann hatte ich zwischendurch doch immer wieder dieses *Autsch-Gefühl, dieses ganz spezifische Trans*Doku-Autsch. Wie gesagt, ich hab echt schon viele Trans*Dokus gesehen und es gibt Dinge, die tauchen immer und immer wieder auf. Und nerven mich.

Zunächst kommen mir (wie ganz häufig bei Dokumentationen) Fragen zur Machart: Wer steckt hinter dem Film? Wer ist die filmende Person und was möchte sie hier erreichen? Wie positioniert sich die Person selbst zu trans*? Warum macht sie diese Doku und wie wurden die Protagonist_innen ausgesucht? Sind sie alle bekannte Personen, so wie Lynn Breedlove? Sind die Protagonist_innen der filmenden Person persönlich bekannt? Oder untereinander? Das bleibt hier alles offen und damit die_der Filmschaffende, die Kontexte, die dahinter liegenden Strukturen Leerstellen.

Dann: Warum sehe ich hier eigentlich nur ftm? Wo sind die Trans*Frauen/Femininitäten? Oder Trans* of Colour? Beide tauchen hier nur als Randfiguren auf und sind da offensichtlich auch politische Akteur_innen (auf der Demo, in der Gesprächsgruppe), werden aber nicht hauptsächlich portraitiert. Fragen nach Maskulinität, Femininität, Passing, Zugehörigkeit hängen aber eng damit zusammen und sind hier also nur als kleiner Ausschnitt dokumentiert. Was an sich nicht so schlimm wäre, bliebe dieser Ausschnitt nicht unkommentiert, denn damit wird er zum Normalzustand.

Ähnlich steht es um die Freund_innen/Partner_innen der Gefilmten. Ich ärgere mich über die eine Alibi-Freund_in, die kurz was sagen darf, dabei einen großen und wichtigen Bereich anschneidet (das eigene Gender für sich und in Bezug zur trans*maskulinen Person) und dann auch schon wieder nicht mehr vorkommt. Partner_innen und Freund_innen von Trans*leuten sind ganz existenzielle Leute im Trans*leben, die sehr viele private Krisen und Probleme abfangen, ständig Gender unterstützen und konstruieren und mit ihrer eigenen Identität und ihrem eigenen Selbstverständnis durch die Trans*identität beeinflusst werden. Dass die Rolle von Trans*partner_innen in Trans*Dokus immer wieder ausgeblendet oder auf eine oberflächliche Nebenrolle reduziert wird, finde ich schade und nicht ausreichend. Trans*personen sind nicht Akteur_innen ohne Netzwerk.

Orr: Warum muss ich in _jeder_ Trans*Dokumentation Kinderfotos sehen? Und ist sie noch so queer, die Beweise, dass diese Person früher ganz anders aussah, dürfen nicht fehlen. Ich halte das 1. für paternalistisch: Warum reicht es nicht aus, die Trans*leute für sich und fürs Jetzt sprechen zu lassen? Und 2. findet hier jedes Mal eine biologische Rückbindung statt: Guckt mal, dieser Typ war früher _wirklich_ ein Mädchen, falls Du’s nicht glaubst – hier ist das Foto.

Da bleibt in meinen Augen leider auch die Trans*Fotowand des einen Protagonisten mit der Wertschätzung des eigenen mehrgegenderten Lebens eine biologistische Beweisführung. (Diese Stelle des Films finde ich sehr ambivalent, denn gleichzeitig bricht die Person mit der häufig zitierten Vergangenheitslosigkeit.)
Und meines Erachtens immer wieder eine Frechheit ist die Aufnahme von Eltern, die Kinderfotos präsentieren und sich über das damalige Gender ihres Kindes äußern. Was mich zum nächsten Punkt bringt:

Deutungsmacht? Warum sehe ich in einer Trans*Doku Eltern, die ihre Meinung über das Gender ihres Kindes sagen? Teilweise hier sogar, ohne das die entsprechende Trans*person Einfluss auf die Szene hat? Gerade Familienzusammenhänge sind häufig im Zusammenhang mit Trans* echt mit Vorsicht zu genießen und bergen sehr viele vergangene und wiederholte Verletzungen.

Ambivalent: Einerseits finde ich es gut, verschiedene Trans*identitäten zu zeigen und verschiedenen Umgehensweisen mit trans* Raum zu geben. Das wurde hier unter anderem dadurch realisiert, dass die Protagonist_innen gesprochen haben und von der filmenden Person nicht kommentiert wurden (da ist die Deutungsmacht ja doch!). Das Nichtkommentieren führt hier allerdings auch dazu, dass Normativitäten, Mackertum und Sexismus im Raum stehen können, ohne aktiv hinterfragt zu werden. In diesem Fall ärgert mich insbesondere, dass die gängige heteronormative und biologistische Erzählung der männlichen Triebhaftigkeit unkommentiert bleibt. Die eigene Transition wird natürlich ganz unterschiedlich erlebt, interpretiert und mit Sinn besetzt, dazu möchte ich überhaupt nicht Einschränkungen oder Grenzen vorgeben. Aber für eine Doku, die offensichtlich zum Nachdenken über Geschlechterrollen anregen will (siehe Ankündigungstext), finde ich die Reduzierung von maskuliner Identität auf den Sexualtrieb sehr sehr schade.

Und schließlich: Warum!! Kann ich nicht eine Trans*Doku sehen, in der nicht irgendwann jemand sein Hemd auszieht? In diesem Fall endet sogar die gesamte Doku mit einer fröhlich-nackten Reihe unterschiedlicher Männer_*Oberkörper. Was erzählen mir diese Körper über die Identität der Personen? Soll das Publikum Brustvergleiche anstellen? Was passiert mit der einen Person, die sich sichtlich unwohl fühlt, während alle ihre Shirts ausziehen? Trans*Männlichkeit wird leider immer wieder an nackter Körperlichkeit verhandelt. Das ist schade, weil wieder der Verweis auf den biologischen/natürlichen/versehrten Körper herangezogen werden muss. Ohne Kommentar und in einer TV-Produktion finde ich das zwar einerseits sehr mutig und nehme es auch als get used to it-Affront gegen den normierenden Blick wahr. Andererseits sind Trans*Körper und -Identitäten voraussetzungsvoll und ich habe das Gefühl, dass der hegemoniale Blick auf den nackten Trans*Körper biologisch rückversichernd, entlastend und vereinnahmend ist.

Alles in allem: Ambivalent.

Aktualisiert: Zum Weitergucken: Anton Binnig: Jungs wie ich und du.